Die Alternative für Deutschland fasst gern heiße Eisen an. Bei keinem aber scheint sie so weit von der Mehrheit ihrer potentiellen Wähler entfernt zu, sein wie beim Thema Lebensschutz. Ein Gastbeitrag von Michael van Laack

1. Zwischen Wunsch…

„Wir sind die letzten Verteidiger des ungeborenen Lebens in Deutschland“ hatte Beatrix von Storch am 22. Februar dieses Jahres aus dem Brustton der Überzeugung am Schluss ihrer Rede zur Debatte um das Werbeverbot für Abtreibungen gesagt. Pathetischer hätte eigentlich nur noch „Wir sind der „Erste Ritter“ der Pro Life-Bewegung“ geklungen.

Entscheidender jedoch als der machtvolle Klang dieser Worte ist: Hat die stellvertretende Fraktionsvorsitzenden hier für die ganze AfD oder doch zumindest die Mehrheit der Abgeordneten in Bund, Ländern und Kommunen gesprochen? Und: Ist auch der Basis der Einsatz für den Schutz des ungeborenen Lebens oder gegen die Legalisierung der Euthanasie wichtig? Von den potentiellen Wählern will ich hier nicht schreiben, denn Wähler orientieren sich bei der Entscheidung, wem sie ihre Stimme geben wollen, oft nur an wenigen zentralen Forderungen oder Thesen einer Partei.

Wenn das passt, ist man auch gern mal bereit, die ein oder andere Kröte in den Grundsatz- oder Wahlprogrammen zu schlucken, die nicht so gefällt. Ohnehin dürfte die Zahl der Wähler, welche die Programme „ihrer“ Partei vollständig kennen, marginal sein. Selbst bei den Mitgliedern einer Partei würde ich kaum mehr als ein Viertel erwarten, die ohne Probleme in Sachdebatten zum jeweiligen Programm einsteigen könnten.

2. …dem Handeln der anderen…

Es ist notwendig, zunächst einmal zu schauen, was die AfD offiziell zum Thema Abtreibung sagt; aber auch ein Blick auf die Haltung der beiden großen Kirchen wird sich lohnen, um danach sauber spiegeln zu können auf die Realitäten in der AfD-Wählerschaft, die ja – ob es uns nun gefällt oder nicht – Teil der liberal und hedonistisch geprägten Gesamtgesellschaft sind.

Im „Programm für Deutschland“ (2016) lesen wir unter 6.7 (Willkommenskultur für Neu- und Ungeborene):

„Die Alternative für Deutschland setzt sich für eine Willkommenskultur für Neu- und Ungeborene ein. In Deutschland kommen auf rund 700.000 Lebendgeburten pro Jahr ca. 100.000 Schwangerschaftsabbrüche. Dabei liegt nur bei drei bis vier Prozent eine medizinische oder kriminologische Indikation vor, in allen anderen Fällen wird der Schwangeren nach einer Beratung eine Bescheinigung ausgestellt, die ihr eine straffreie Abtreibung aus „sozialen Gründen“ ermöglicht.  … Die AfD steht für eine Kultur des Lebens und ist im Einklang mit der deutschen Rechtsprechung der Meinung, dass der Lebensschutz bereits beim Embryo beginnt. Wir fordern daher, dass bei der Schwangerenkonfliktberatung das vorrangige Ziel der Beratung der Schutz des ungeborenen Lebens ist. Werdenden Eltern und alleinstehenden Frauen in Not müssen finanzielle und andere Hilfen vor und nach der Entbindung angeboten werden, damit sie sich für ihr Kind entscheiden können. Adoptionsverfahren sind in diesem Zusammenhang zu vereinfachen. Die AfD wendet sich gegen alle Versuche, Abtreibungen zu bagatellisieren, staatlicherseits zu fördern oder sie gar zu einem Menschenrecht zu erklären.“

Das ist Klartext. Lebensschutz von Anfang an! Diese Aussagen des Grundsatzprogramms wird Beatrix von Storch vermutlich auch im Hinterkopf gehabt haben, als sie oben erwähnte Rede hielt.

Die Grundsatzprogramme von CSU und CDU (beide schon mehr als zehn Jahre alt), sind in dem noch heute bekannten „Wir müssen, Wir sollten, Wir wollen nicht.“- Stil verfasst, weshalb ich niemanden mit der Wiedergabe ermüden möchte. Zu SPD, FDP, Linken u. Grünen muss ich mich ebenfalls nicht episch verbreiten. Diese Parteien beteuern zwar, wie unantastbar die im Grundgesetz verankerte Menschenwürde sei, wollen dies aber nicht auf ungeborenes Leben bezogen wissen. Auch wenn sie es nicht offen sagen, so würden zumindest diese vier Parteien der Streichung von 218/219 StGB zustimmen. Mit Ausnahme der FDP hätte vermutlich auch keine ein Problem mit sozial indizierter Spätabtreibung oder vorgeburtlicher eugenischer Pflichtselektion.

Nun aber wird es kniffelig, denn jetzt nähern wir uns langsam des Pudels Kern: Der Absurdität der Straffreiheit einer Straftat unter besonderen Bedingungen. Hierzu sagt die AfD in zahlreichen Dokumenten klar: Abtreibung ist kein Menschenrecht, Abtreibung ist eine Straftat, es muss Schluss sein mit den Beratungsscheinen, denn „soziale Indikation“ ist ein Begriff, unter dessen Schutz und Schirm sich alle Abtreibungswilligen versammeln können: Die Zukunftsverängstigten, Die Geizigen, Die Karrieregeilen, die Bio-Uhren-Träger, Die Swinger-Cluber und One Night-Standler.

CDU und CSU bleiben zum Beratungsschein-Thema in ihren tagespolitischen Äußerungen so unpräzise wie in den Grundsatz-Programmen. Mehrheitlich halten die Fraktionen die Fristenlösung sogar für den besten Weg; augenscheinlich bedeutet für sie „von Anfang an“ nach zwölf Wochen. Na ja, eine neue Regierung hat ja auch 100 Tage Zeit, um ihr Regieren mit Leben zu erfüllen…

Was die Kirchen betrifft, hätten sie eigentlich gegenüber den Parteien einen großen Vorteil. Denn sie müssten nicht dem Volk aufs Maul schauen, nicht Gesetzeskommentare wälzen, auf Koalitionspartner Rücksicht nehmen, nicht an aktuellen Tendenzen und Stimmungen ihre Forderungen ausrichten; denn ihr Anspruch ist, ja der Leib eines Hauptes zu sein, dass Jesus Christus ist. Gott!

„Du sollst nicht töten“ (Exodus bzw. 2. Mose 20, 13). Und Ende Gelände. Wenn wir Christen unseren Gott ernst nähmen, erübrigte sich jede Diskussion, was denn nun geht oder was nicht; was lebenswirklichkeitsgemäß, frauengerecht oder gesellschaftspolitisch so gerade noch verantwortbar ist.

Als Katholik werde ich mich mit der evangelischen Kirche und ihrer Haltung, die ohnehin keine einheitliche, sondern landeskirchlich differente ist, nicht weiter aufhalten.

Was aber die römisch-katholische Kirche betrifft: Sie ist feige! Hier und da mal ein Bischof beim Marsch für das Leben, finanzielle Unterstützung für den ein oder anderen Pro-Life-Verein, Sonntagspredigten am Fest der Unschuldigen Kinder. Das war es auch schon! Das Wort vom „Mord an Ungeborenen“ wagen sie nicht in den Mund zu nehmen in den bischöflichen Palästen.

Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist – für die Kirche hat diese Forderung die Bedeutung bekommen: So lange der Staat unsere Einrichtungen finanziell unterstützt, so lange er in unserem Namen die Kirchensteuer einzieht, so lange werden wir zwar unsere Grundsätze nicht vollständig über Bord werfen, aber sie doch besser im Bauch des Schiffs der Kirche auf dem Weg durch das Meer der Zeit einlagern. Sollte sich mal die passende Gelegenheit ergeben, holen wir sie zurück aufs Deck.

3. …und der traurigen Realität

Allerdings: Nicht nur aber eben auch in der Lebensschutzfrage gibt in der AfD einen West- und einen Ostflügel. Wenn man mal ein Stündchen im Internet darüber recherchiert, wer sich aus welchen Ebenen der AfD auch immer für Lebensschutz offen engagiert, sei es virtuell auf der eigenen Website oder auf Facebook, sei es real ehrenamtlich für oder in Pro-Life-Vereinigungen, sehen wir im Süden und Westen ein sehr starkes, im Norden ein mittelmäßiges und im Osten ein schwaches Engagement. Letzteres ist allzu verständlich, denn schließlich war es ja die SED, die mit der Fristenlösung schon weit früher als in der Bundesrepublik die Frauen „befreite“ und ihnen zu ihrem „Recht“ verhalf. Auch haben 40 Jahre atheistische Diktatur das religiöse Leben – überhaupt die Zugehörigkeit zu einer Kirche und so den Glauben an Gott – fast austrocknen lassen.

Dennoch gibt es selbstverständlich auch bei den Landesvorsitzenden und -vorständen im Osten zahlreiche Lippenbekenntnisse zum Lebensschutz. Nach außen gilt es – wie in allen anderen Fragen – soweit als möglich Einheit zu demonstrieren. Fakt aber ist, dass mit den Fraktionen des Ostens und teilweise auch denen des Nordens eine Verschärfung des § 218 StGB nicht zu machen wäre.

Fakt ist auch, dass nicht nur im Osten (da eben nur deutlich stärker) sondern auch im Rest der Republik sehr viele potentielle Wähler nicht mitgehen würde, wenn eine AfD in Regierungsverantwortung eine solche Entscheidung im Bundestag herbeiführen wollen würde.

Gut ablesen kann ich das in den sozialen Netzwerken. Während ich für viele meiner Postings in den großen blauen Gruppen (8.000 bis 25.000) zu Themen wie Migration, Banken, Umweltschutz usw. Likes und Teilungszahlen im deutlichen dreistelligen Bereich, manchmal gar im vierstelligen sehe, gibt es beim Thema Lebensschutz maximal 75 Reaktionen, kaum Teilung, die meisten der Kommentar sind negativ, also ablehnend.

In der Theorie und im Willen nicht weniger politisch Verantwortlicher mag die AfD „Erster Ritter“ der Lebensschützer sein. Das Fußvolk in der Partei aber steht gespalten und die potentielle Wählerschaft in dieser Frage minderheitlich hinter ihr. Die einen sind – auch wenn sie Blau wählen – in der Lebensschutzfrage grünversifft oder einfach nur liberal, die anderen haben den atheistischen Sozialismus mit der Muttermilch aufgesogen

Mit dieser vernichtenden Bilanz will ich aber selbstverständlich nicht jenen das Wort reden, die innerhalb der AfD auf ein Abrücken vom Lebensschutz drängen. Den Entscheidern und Strategen der Partei sollte aber klar sein: Lebensschutz kann nur von oben nach unten wieder in das Bewusstsein der Menschen getragen werden. Nicht wie z.B. bei der Migration, wo sich die Bewegung von unten nach oben vollzogen hat.

Auf geht’s, ihr Funktionäre! Kämpft dafür, dass der Schutz des ungeborenen Lebens sich aus dem Grundsatzprogramm in die Herzen des Volkes schreibt. Sicherheit in diesem Land wollen wir erreichen. Das muss auch für einen Embryo gelten. Phil Bosmans sagte einmal: „Wenn ein Mensch nicht mehr im Mutterschoß sicher ist, wo ist er dann in dieser Welt noch sicher?“

Also dann. Deus lo vult!

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