Was passiert eigentlich, wenn all das, was man bisher für seine unveräußerlichen Rechte gehalten hat, plötzlich verschwindet? Selbst im schicken Berliner Kiez Prenzlauer Berg wird dies immer sichtbarer. Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Kollwitzmarkt. Es war einmal vor einigen Jahren, vor mir fällt ein Fünf Euro Schein zu Boden, eine Frau dreht sich um, bückt sich und hebt ihn auf. „Das ist meiner!“ sage ich frech und lache und halte zwei Sekunden später den Schein in der Hand.

„Weil ich Muslima bin“

Im Herbst vorigen Jahres werde ich vor dem Kollwitzplatz von Kopftuchfrauen belästigt. Sie laufen zu fünft auf mich zu, mit Mappen in der Hand. Nach zwei Wochen schnappe ich mir eine und frage nach ihrem Anliegen. Sie öffnet die Mappe und zeigt mir Bilder von blutenden Menschen, Frauen und fragt nach meiner Unterschrift und meiner Adresse. Meine Adresse. Gegen die Menschenrechtsverletzungen im Iran! Als ich sie frage, warum sie ein Kopftuch trägt, antwortet sie mir, weil sie Muslimin ist. Als ich sie frage, ob sie sich nicht vorstellen kann, dass gerade die Religion, der sie angehört, das produziert, wogegen sie hier meine Unterschrift haben will, versteht sie plötzlich kein Deutsch mehr. Ich wiederhole meine Frage. Sie ist etwas verdutzt ob meiner Direktheit. „Wenn Sie ihr Kopftuch abnehmen, unterschreibe ich!“ sage ich ihr.

Dann rufe ich den Marktleiter Herrn Strube an, er ist ganz offen, auf seinem Markt werden die Frauen mit den Mappen keinen Stand bekommen und sie dürfen auch nicht direkt auf den Markt, aber davor die Menschen abfangen schon.

Kein Polizeischutz für die Fahrt vom Markt nachhause

Vor einer Woche erzählt mir eine ältere Dame, die jeden Samstag auf dem Markt ihre Waren verkauft, dass sie seit drei Wochen nicht mehr auf dem Markt an ihrem Verkaufsstand war. Vor vier Wochen hätte sie ein Auto bis nach Hause verfolgt, ca. 30 Kilometer die Bundesstraße entlang, fuhr ihr sogar bis in die Tiefgarage hinterher. Dann wieder ganz schnell weg. Dort erst wurde ihr plötzlich klar, dass das Fahrverhalten des Verfolgers, über das sie sich die ganze Zeit wunderte, eben eins suggerierte, dass sie ein Opfer sein könnte.

Und dass Menschen, die mit der Motz dort herumlaufen, ständig des Platzes verwiesen werden vom Ordnungsamt und doch immer sofort wiederkommen, die Vorhut sein könnten, um mögliche spätere Opfer auszuspionieren. Jetzt ist ihre Wohnungstür gesichert, die Nachbarn informiert. Sie wird von der Tiefgarage nicht mehr über den Keller in ihre Wohnung laufen, sondern außen entlang, sie muss ihre Ware umständlich woanders lagern. Und vor allem hat sie Angst. Sie ist zerbrechlich. Sie wird sich nicht wehren können. Sie ist alt. Die Polizei sagt ihr lapidar, sie könne sich einen Begleitschutz arrangieren. Vom Markt nach Hause. (Bild: Cover des in Kürze erscheinenden neuen Buches der Autorin)

NSU-Prozess als Nebenkriegsschauplatz?

Nach dem NSU-Prozess werden Straßenschilder am Prenzlauer Berg überklebt. Akten werden für 120 Jahre verschlossen. Am liebsten würde ich hier einen Smiley einfügen, der, bei dem die Augen und der Mund gezackt sind. 120 Jahre.

Vor ein paar Wochen brennen Autos am Kollwitzplatz, der Staatsschutz ermittelt. Derselbe Smiley.

Und heute sehe ich den jüdischen Journalisten Avrahami dort demonstrieren. Verkäufer aus einem Falafelstand hätten ihn und auch andere judenfeindlich beleidigt und sie hätten auch schon erlebt, dass der Preis an diesem Stand dort einfach stieg, wenn sie als Juden erkennbar dort einen Falafel erstehen wollten.

Wieder rufe ich Herrn Strube an, er kann das nicht beurteilen, die Problematik sei schwierig zu händeln, in der Zeit gäbe es einen Artikel,  der das alles so beschreibt, wie es ist.

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Herr Avrahami würde auch mit ihm nicht reden, da er angeblich auch Schuld sei. Oder weil er nicht deutsch sprechen möchte, er weiß es auch nicht richtig. Ich habe Herrn Avrahami auch nur englisch reden hören. Jedoch hat Herr Strube ein Gespräch bei den Behörden zwischen Herrn Avrahami und dem Inhaber des Falafel Standes, der nur Mohamed genannt werden möchte, angeregt, die Polizei soll das anberaumen. Bitte sollen die Beiden das klären. Auch wäre der Konflikt 3000 km entfernt und kann und soll nicht hier ausgetragen werden. Ist das so?

„Heute sind es Juden, morgen Mädchen und Frauen!“

Herr Avrahami ist schon unbequem, so wie er da steht mit der Anklage, so unbequem, wie Opfer nun mal sind, wenn sie denn Opfer geworden sind von Beleidigungen und Verhöhnungen und darauf aufmerksam machen, so wie andere Menschen, auch Opfer von Politikversagen. Auf einem der Schilder steht sinngemäß: Heute sind es Juden, morgen Mädchen und Frauen! Ich spüre das auch, dass das unbequem ist, man wird konfrontiert mit einer Ungerechtigkeit, an der man vielleicht vorbeigehen möchte, weil das Wetter grad so schön ist oder man Besseres zu tun hat.

Wenn aus einem Verkaufsstand heraus, der auf dem Kollwitzmarkt steht, Beleidigungen zugerufen werden und diese sich häufen, dann sind vielleicht auch andere Reaktionen denkbar. Schließlich sollen Besucher des Kollwitzmarktes sich ja wohl fühlen und in Ruhe einkaufen können. Und vielleicht bewegt genau das Herrn Avrahami, sich dort einfach hinzustellen und auch die Deutschen anzuklagen, dass sie ihn im Stich lassen. Aus den Kommentarspalten der Artikel entnehme ich eher, dass der, der darauf aufmerksam macht, als unangenehm und lästig empfunden wird. Der, dem die Vorwürfe gemacht werden, streitet ab. Und entschuldigt sich auch nicht.

Strategie: Toleranz für Intoleranz fordern

In vielen Diskussionen habe ich das Gefühl, dass Toleranz für Intoleranz gefordert wird. Als ich mit Herrn Strube spreche, habe ich dieses Gefühl nicht. Es ist wirkliche Ratlosigkeit, denke ich. Was passiert eigentlich, wenn all das, was man bisher für seine unveräußerlichen Rechte gehalten hat, plötzlich verschwindet? Und ich gehe mit dem Gefühl nach Hause, dass das Volk, das bescholtene oder unbescholtene und auch das im Prenzlauer Berg das Trinkgeld von einer Politik erhält, die in vielen Teilen versagt. Und jetzt sage ich nicht frech „Das ist meins!“ Trinkgeld wird zum Lehrgeld.

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Von der Autorin ist nun die Neuausgabe ihres Buches „Die Wahrheit ist anders“ erschienen. es kann hier bestellt werden: Amazon

Mehr zu dem Buch finden Sie hier: „Auftrag aus dem Jenseits“

Im Sommer 2018 wird ihr zweiter Roman „Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!“ im Nibe Verlag erscheinen!

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