Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Zum Rosa Luxemburg Platz in Berlin laufe ich. Eigentlich bin ich krank, doch ich habe es Marcelo versprochen, mir das dort anzuschauen. Ich finde es gut, einen Dialog anzuregen, warum nicht. Vielleicht ist es möglich. Mit Andersdenkenden zu kommunizieren.

Ich laufe an der Tribüne vorbei, dort sitzen Gregor Gysi und der Juso Vorsitzende Kevin Kühnert. Ein bisschen witziger Small Talk, ein bisschen eloquent. Klar, logisch, die Menschen in Afrika wissen jetzt durch die Handys, wie wir leben und haben Fragen, auf die wir keine Antworten wissen und doch haben sollten. Und wir können nicht mehr leben wie bisher und er möchte auch nicht, wie die AfD, zurück zum 3. Reich, der Herr Gysi.

Gregor Florian Gysi reicht es jetzt. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Kindergartenkind, dem ein netter Papa von nebenan erklärt, wie ich was zu sehen habe. Nämlich das. Er sagt aber nicht, wie wir nicht mehr leben dürfen. Und er fragt auch nicht, ob wir nicht mehr so leben wollen, wie wir bisher gelebt haben. Gregor Gysi, in dessen Ostberliner Anwaltskanzlei ich mich noch vor 89 mit einem Freund begab, der seine Hilfe brauchte, weil er nicht eingezogen werden wollte zur Armee. Doch Gysi konnte oder sollte nicht helfen, jedenfalls nicht meinem Freund. Bei dem sitzt die Enttäuschung heute noch.

Im Osten nichts Neues, denke ich jedenfalls und fühle mich zurückgebeamt. Ich laufe zu Marcelo, der hinter einer Absperrung mit ein paar Leuten steht. Unterwegs spricht mich eine Art Blockwart an, ein untersetzter Mann kommt auf mich zu, als er sieht, das ich dorthin gehen möchte. Er sagt zu mir:

„Nicht mit denen reden! Sehen Sie sich vor! Sie dürfen nicht mit denen reden!“

Ich muss innerlich lachen und ein bisschen hört er das auch, ich laufe weiter und rede mit Marcello. Was ist das denn?, denke ich, das hab ich ja noch nie erlebt. Redeverbot. Maulkorb. Präventives Redeverbot. Hallo?

Dann laufe ich zurück und derselbe Mann kommt wieder auf mich zu.

„Ich rede, mit wem ich will, ich bin eine freie Frau!“

…rufe ich ihm laut zu. Und ein wenig frech. Er weist mich dogmatisch darauf hin, dass ich hinter die Absperrung gehen muss, wenn ich mit denen reden will und nicht vor der Absperrung stehen darf, wenn ich mit denen rede. Ich schaue ihn ungläubig an. Bin ich hier bei Stalin? „Ich rede, mit wem ich will!, was denn sonst?“ antworte ich und laufe lachend weiter. Vielleicht ist deshalb der Gang so leer, weil der Blockadewart dort aufpasst.

Egal, ich höre Gysi zu, leere Floskeln, irgendeine Zeit ist vorbei, spüre ich. Die Mieten müssen bezahlbar sein, das habe ich gefühlt schon gehört, als ich noch im Kinderwagen lag, doch sie sind unbezahlbar geworden. Jedenfalls für Menschen mit normalem Einkommen.  Trotz Gysi. Take it easy trotz Gysi. Obwohl ich ja Frau Wagenknecht mag und sie sehr kluge Dinge sagt, dass links sein heißen würde, sich um die Menschen im Land zu kümmern, zum Beispiel.

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Herr Gysi belehrt die Menschen im Land lieber und möchte sich um die Menschen in Afrika kümmern. Nur nicht dort, sondern hier so von oben herab. Ich erinnere mich an Menschen, die in Afrika Entwicklungshilfe leisteten und von Stämmen erzählten und Korruption und Frauenarbeit, Kinderarbeit und kollektiven Wasserbrunnen, die nachdem sie für alle gebaut wurden, nur noch zwei Familienclans gehörten.

Dann schaue ich mir die Stände an, ich kauf mir ein leckeres Getränk mit Ingwer, ich bin ja krank. Die Currywurst ist schnell ausverkauft. Schade. Gysi wirkt lahm, alt.

Dann weiß ich, was mir hier fehlt. Der Geist der Freiheit, der Spirit des Feuers.

Die Reden auf dem Frauenmarsch waren beseelt, sie waren echt, sie waren voller Feuer.  Sie waren alles, was Leben bejaht, unser Leben!

Doch hier? Ich schaue in Gesichter, manche sind nett, manche gelangweilt. Da ist nichts. Nichts, was mich fesseln würde. Sie sehen die Bilder, die ich gemacht habe. Refugees welcome. Keine Differenzierung. Welche Refugees? Wer? Ist das?

Die Verteidigung der Vergangenheit wirkt bieder und wenig zukunftsorientiert. Intoleranz ist doch, etwas nicht zu sehen. Nicht die Kultur der anderen zu sehen und sich damit auseinanderzusetzen. Oder?

Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Etwas fehlt. Die Wahrheit. Eine andere Wahrheit.

Es fehlen Gedanken an die Opfer der Politik von heute. Es fehlen die Gesichter der Opfer. Es fehlt das Andenken. Es fehlt schmerzhaft. Es fehlt und schreit mich an. Und ich möchte dort weggehen. Dort möchte ich nicht sein. Ich kann mit Euch nicht fröhlich sein, auch wenn ich es gern würde.

Weil es fehlt. Mitgefühl, Empathie, der Wille zum Leben. Der Wille für unser Leben. Und ich möchte nicht die Seiten wechseln müssen, um mit andersdenkenden Menschen zu reden!

Ich möchte nicht über eine Absperrung müssen, um mit Menschen, wie Marcello zu reden. Mit Absperrungen werden wir zu Flüchtlingen im eigenen Land!

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Von der Autorin ist nun die Neuausgabe ihres Buches „Die Wahrheit ist anders“ erschienen. es kann hier bestellt werden: Amazon

Mehr zu dem Buch finden Sie hier: „Auftrag aus dem Jenseits“

Im Sommer 2018 wird ihr zweiter Roman „Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!“ im Nibe Verlag erscheinen!

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