Nach Magdeburg fahre ich, ich bin dort zu einer Lesung unter dem Motto Stadtlesen eingeladen. Juchhu, ich freue mich. Aus meinem Debütroman „Die Wahrheit ist anders“, für mich auch eine Aufarbeitung erlebter DDR-Geschichte, werde ich vorlesen. Unter freiem Himmel. Laut Wetterbericht wird die Sonne scheinen. Herrlich. Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Morgens gehe ich in den alten Dom. Viele alte Menschen, denen gesagt wird, dass sie vielleicht auch einsam seien, dass der Herr die Welt schon überwunden haben und wir keine Angst haben müssten, sitzen dort. Unter Ihnen auch ein arabisch aussehender junger Mann. Er betet mit. Ich bete nicht mit. Nix Sünde, es ist mir zu brav, zu gleichförmig, fast einschläfernd. Doch ich genieße die großen Hallen, die Stimmung, die Ruhe.

Die Sonne scheint, alles ist so, wie ich es mir vorgestellt habe, nach der Lesung beantworte ich Fragen, es ist schön, Menschen anzusprechen und Fragen, viele Fragen, zu beantworten und selbst auch wieder Denkanstöße zu bekommen. Danach werde ich gefragt, ob ich Lust habe, an einer Führung durch das Stasigefängnis (Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg) teilzunehmen. Leichtsinnig sage ich ja, ich fühle mich gut, ja, warum nicht.

Heute kann mir nichts etwas anhaben, denke ich. Als ich die Räume dort betrete, überfällt mich eine Beklemmung. Ich bin ihr damals entkommen, mit Glück und Glück und nochmal Glück, denke ich.

Doch es geht nicht um mich. Es geht um Menschen, die dort inhaftiert, indoktriniert, physisch und psychisch gefoltert wurden. Menschen, die mit einer Fliege in der Zelle gesprochen haben, um der Verrücktheit und den eigenen Gedanken zu entkommen. Menschen, die morgens, Männer in der Früh um 6:00 Uhr, Frauen um 8;00 Uhr an die frische Luft kamen, über sich ein Gitternetzwerk, um sich herum eine Betonwand, 2 mal 2 Meter. Für eine halbe Stunde wöchentlich. Willkür. Neben einer Schule, damit die Frauen Kinderstimmen hörten. Kinderstimmen, die sie an ihre Kinder erinnern sollten, die sie vielleicht oder wer wusste das schon, nie wieder zu Gesicht bekämen. Danach ging es zum Verhör. Um Menschen, Menschen, Menschen ging es. Ich mache Fotos und irgendwann schreie ich innerlich, doch nach außen bestimmt,

„Bitte bringen sie mich ganz schnell hier heraus!“

Die Wände haben mich angeschrien. Mein Vater nach seiner versuchten Republikflucht saß in einem solcher Gefängnisse. Nicht nur daran habe ich gedacht. Was können Menschen nur Menschen antun.

Ich muss mich sammeln und laufe nicht zurück zum Moritzplatz, sondern biege nach links, ich brauche dringend frische, Luft, muss spazieren gehen. Unter meiner Sonnenbrille das, was ich jetzt nicht zeigen möchte. Jetzt nicht. Es sind nur Tränen. Die Straßen  leer.

Dann begegnen mir Männer mit kleinen Kindern, es sind Sinti und Roma. Ich laufe weiter. Die Blicke halte ich aus, ich weiß, ich trage ein enges Kleid, hochhackige Schuhe, hallo, ich bin eine Frau. Es ist heiß, die Straßen ziehen sich, ich laufe nach rechts, wieder rechts, irgendwann nach links. Die Leere wirkt gespenstisch. Vor mir wieder ein Wohnhaus, zweistöckig, auf der rechten Seite ein Gehweg, ein Bauzaun, dahinter Wiese. Dort rüber will ich. Plötzlich läuft ein arabischer junger Mann aus dem Haus, in der Hand ein Handy. Noch ein junger arabischer Mann ihm hinterher. Sie steuern Punkt X an, auf den ich zulaufe, wir werden uns zwangsläufig treffen, halte ich meine angestrebte Route ein. Es sind nur ein paar Meter. Ich wundere mich, was wollen sie dort, wo nichts ist, außer ich in einer Minute höchstens?

Abrupt biege ich ab, laufe nach links, ein Auto kommt die Straße runter, ein junger osteuropäisch aussehender Mann steigt aus und läuft auf einen der Hauseingänge zu. An ihn wende ich mich, zu allem Überfluss bleibe ich mit dem Absatz von meinem schwarzen Stöckelschuh im Pflaster hängen. „Hallo? Wie komme ich ganz schnell zum Moritzplatz“ Er antwortet mit russischem Akzent und zeigt den Weg zurück, dann nach links. „Ich kann sie auch hinfahren?“ Mit einem Blick auf meine verfahrene Situation und die beiden Araber. Ich lehne freundlich ab, „Danke“, er hat verstanden und lächelt mich an, ich laufe zurück, ihn zwischen mir und den beiden Arabern wissend. Der junge Mann mit dem russischen Akzent folgt mir unaufdringlich im Abstand von 20 Metern, jetzt schaut er auch auf sein Handy, zum Abschied winken wir uns zu. Er wusste etwas, ich wusste etwas.

Anmerkung: Ein Journalist meinte einmal, ich dürfte nicht Araber schreiben, das würde Angst implizieren. Ich frage ihn, was ich sonst schreiben dürfe, wenn es doch nun mal Araber sind? Ich bekam keine Antwort. Ich würde auch Japaner schreiben oder Chinesen oder Deutsche.

Später, als ich wieder in Berlin bin, lese ich, dass Jan Böhmermann eine satirische Kampagne – #ReconquistaInternet – ins Leben gerufen hat, viele Menschen, die kritisch denken, anders denken, zu blockieren, anzuzeigen, sie mundtot zu machen.

Er scheint kein Verfechter der Aufklärung zu sein. Ich fühle mich zurückversetzt in eine andere, eine dunkle Zeit, vielleicht ist er zu spät, denke ich, vielleicht ist Herr Böhmermann auch genau richtig. Im Zeitstrahl.

Als er solche Worte wie „Ziegen ficken“ in den Mund nahm, rief er selbst vor lauter Angst den Herrn Altmeier an und bat um Beistand. Fühlte er sich damals verfolgt?, aus vermeintlichen Opfern werden nicht selten Täter. Im Namen des Friedens.

Der neue Faschismus wird nicht sagen, er ist der Faschismus, er wird sagen, er ist der Antifaschismus,

…sagte der aus dem Exil kommende Faschismusforscher Ignazio Silone. Im Namen des Friedens heißt heute: Im Namen des Krieges.

Mit der #ReconquistaInternet Aktion zeigt Böhmermann, dass Meinungsfreiheit, die er für sich einfordert und für die er einmal stand, eine Einbahnstraße sein darf. Mit „Love Trollen“ gegen „Ultrarechte“ vorzugehen, die ihrerseits sich rühmen sollen, mit unlauteren Mitteln Wahlen manipuliert zu haben, wirkt zunächst nicht verwerflich. Ich hätte gern mal näher erklärt bekommen, wie man Wahlen manipuliert und auf was für Aussagen genau Herr Böhmermann seine satirische Aktion stützt. Das Übergreifen jedoch auf im demokratischen System geäußerte Meinungen, indem er eine Liste von hunderten Twitter-Usern veröffentlicht, zeigt einen totalitären Impuls.

Andere Meinungen erzählen auch etwas über andere Wahrheiten, die es oft nicht in das öffentliche Bewusstsein schaffen. Wer hat die publizistische Macht? Ich bin für Vielfalt, informiere mich gern überall. Und werde mir dann meine eigene Meinung bilden. Wie lange wurde uns etwas von gesunkenen Straftaten erzählt, währenddessen die Gefängnisse überfüllt sind. Und seit wann – und wodurch – rückt in das Bewusstsein der Menschen, dass Frauen sich im öffentlichen Raum in Acht nehmen müssen.

Böhmermann hat im Rahmen der aktuellen Kampagne eine Liste in das Netz gestellt, auf der hunderte Twitter User genannt werden, die man seiner Ansicht nach blockieren, also von der Meinungsfreiheit ausschließen soll.

Böhmermann-Liste: Das Böse im Namen des „Guten“

Prominente Blogger und Journalisten, die weder „ultrarechts“ noch sich rühmen, die Wahlen manipuliert zu haben, sollen ausgeschaltet werden. Alle, die vom Mainstream abweichen in einen Topf zu werfen, zeigt weder Differenzierung, noch Toleranz, noch den Mut auf Fakten basierend zu diskutieren. Wie wird Demokratie aufgeweicht hin zu totalitären Systemen.

Das Internet, Herr Böhmermann, gehört Ihnen? Wer zwingt Menschen, sich zu informieren oder nicht zu informieren und wo?. Aktuelle Kamera als Pflichtprogramm, Herr Böhmermann der Superkasper? „Ziegen ficken“ gilt es auszuhalten, andere gilt es auszuschalten?

1958 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) die Einrichtung als Untersuchungshaftanstalt (UHA) für den Bezirk Magdeburg. 1990 gründet sich der Verein Bürgerkomitee Sachsen-Anhalt e.V. , dessen Dokumentationszentrum sich seither im Komplex der früheren MfS-Uha befindet. Dort finde ich folgendes auf einer Gedenktafel:

„Die Untersuchungsorgane des MfS arbeiten einer Justiz zu, die vermeintliche oder unwesentliche Vergehen – u.a. Kritik an der SED Führung – zu staats- oder gesellschaftsgefährdenden Verbrechen erklärte und mit unverhältnismäßig hohen Strafen ahndete. Öffentlichkeitswirksam inszenierte Schauprozesse, bei denen die Urteile in der Regel bereits vorher feststanden, sollten nicht nur missliebige Personen ausschalten, vor allem aber Andersdenkende abschrecken und disziplinieren.“

So weit weg ist Böhmermanns Aktion davon nicht. Jetzt fehlt nur noch, dass die Staatsorgane den Schulterschluss mit Herrn Böhmermanns Aktion wagen.

Sollten wir über die Gedenkstätten der ehemaligen Stasigefängnisse Satire schreiben? So wie Herr Böhmermann über seine Aktion, Meinungsfreiheit auszuschalten, Satire schreibt?

**

Berwing Wahrheit

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Eckard
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Eckard

Um mal anzutesten, wie witzig Böhmermann ist, könnte man einfach ein paar Erdogananhängern seine Privatadresse stecken, und sehen, was passiert. Könnte mir das schon witzig vorstellen, Böhmermann danach optisch zu begutachten, sofern er noch im Ganzen zu begutachten ist.

Emma
Gast
Emma

Das alles hat System und deswegen müssen wir die „FREIE Presse“ ( Alternativen) unterstützen.

L.E.M
Gast
L.E.M

Sehr guter Beitrag ! Wer heute Kritik übt als Journalist den dreht man den Geldhahn zu,findet keinen Chef der ihn einstellt.Das System ist Intelligenter als der Holzhammer-Sozialismus.Der stechende Sporn für die Bonzen ist das Internet was sie vollkommen kontrollieren möchten. Unangepasste Meinungen sind
Fake News!

Harald Wessner
Gast

Diese Einrichtung wurde zu DDR-Zeiten mißbraucht um mißliebige Bürger mundtot zu machen.
Es wäre sinnvoll, diese Einrichtungen zu reanimieren um dort kriminelle Migranten bis zu ihrer endgültigen Rückführung in ihre Heimatländer sicher und verlustfrei unterzubringen.
Wichtig wäre allerdings, bei der Festnahme Handys usw. sicherzustellen, um Zusammenrottungen und Befreiungsversuchen vorzubeugen!

Freya
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Freya
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Der Böhmermann sieht nicht nur aus wie eine Ratte, ich vermute mal, das auch seine Persönlichkeit, der eines Nagetieres entspricht. Dementsprechend sind seine „kreativen Ergüsse“ auch einzuordnen.

Demokrat
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Demokrat

Gruselig, dass unsere Demokratie ins Totalitäre kippt, nur weil eine machtbesessene sich extrem selbst überschätzende Kanzlerin ihr Ding durchziehen will. Und noch grusliger ist, dass so viele sie dabei unterstützen. Aus der deutschen Geschichte nichts gelernt, wiederholt sich manches…

ceterum_censeo
Gast
ceterum_censeo

Unschuldige Frage: Woher hat ‚Herr‘ Böhmermanmn eigentlich so genaue Kenntnisse über das ‚Ziegenfi**en‘?

Bevorzugt er selbst vielleicht Esel?

Erschreckend
Gast
Erschreckend

Kann mich erinnern. Meine Mutter war Schöffin in der DDR. Es wurde verhandelt, ein noch selbständiger Fleischermeister wurde beschuldigt Gewürze in Berlin West, vorm 13.08.61, gekauft zu haben um die Wurst zu Würzen. Der Richter gab vor das der zur Gefängnisstrafe zu verurteilen ist. Es war zu einer Zeit wo alles Selbständige als Keimzelle des Kapitalismus betrachtet wurde. Zwangskollektivierung.

Aubin
Gast
Aubin

Ein herrlicher Artikel, zeitgemäss alles umfassend was uns auf der Strasse bewegt und leider verquickt mit dem schlichten Komiker,dessen Name ich nicht nennen will, weil er so doof ist. Möge es bald wieder gepflegten Humor geben à la Heinz Erhard, der sicher auch auf der Abschussliste ist, weil er bei der Wehrmacht war…?

Mister X
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Böhmermann und alle anderen Speichellecker Merkels wären unter Hitler liebend gerne KZ Aufseher oder Gestapofolterer gewesen

Ansgar
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Ansgar
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Böhmermann und Rayk Anders erleben zur Zeit den geballten Zorn einer riesigen youtube-Community, deren Mitglieder sie fälschlich als „Rechte Trolle“ bezeichnet haben. Anders stammelt bereits halbherzige Entschuldigungen, der mäßig begabte Böhmermann hat das noch nicht begriffen.