Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Eines unbescholtenen Morgens – gerade habe ich wieder meinen Frieden mit der Welt gemacht – sitze ich ganz unbefangen in einem Cafe in der Sonne und gönne mir einen mini Cappuccino, denke, hey, das Leben ist schön, lese den Tagesspiegel, Sonnabend, der 28. April 2018, 21. Jahrhundert.

Hitler, denke ich, ist vorbei, Mussolini gestorben, Honecker schlummert sanft und weder möchte man alte Zeiten aufleben lassen, noch irgendwelchen Dämonen hinterherjagen, die vergangen sind, sich ganz zentrieren auf das Hier und Jetzt. Und heute ist mal wieder ein schöner Tag. Ich freue mich auf die Spargelzeit, endlich lecker mit Kartoffeln und Sauce hollandaise, danach gibt es Rote Grütze mit Vanillesauce … Könnte irgendetwas schöner sein, als der Frühling mit seinen hellgrün schmetternden Farben, die aus den kargen Rinden des Winters hervorsprießen?

Ich sehe Trump Frau Merkel einen Kuss auf die linke Wange geben, passt ja, sie lässt es zu. Kein Hotelzimmer, kein Meetoo-Gedöns. Kurz überlege ich, wie sich wohl die Spiegel-Redakteure fühlen mögen angesichts dieses Lippenbekenntnisses, wenn eine politische Katastrophe die andere küsst. Doch da steck ich nicht drin, ich hab es auch nicht geschrieben, wer konnte damals schon wissen, dass Frau Merkel ihm jetzt Entscheidungen überlassen wird.

Noch ein Schluck Cappuccino, nächstes Mal trinke ich einen Doppelten, von Nordkorea wird keine Gefahr für einen Atomkrieg ausgehen. Bei der letzten Parade zum „Tag der Sonne“ von Nordkoreas Präsidenten Kim Jong Un sahen die Raketen schon so aus, als wären sie aus Pappe. Jetzt sind sie es wirklich.

Bei Urban Priol, einem deutschen Kabarettisten, habe ich lernen dürfen, dass der Straftatbestand der Rebellion schon 1950 in Deutschland abgeschafft wurde. Urban Priol erwähnt das im Zusammenhang mit Herrn Puigdemont, der ja ziemlich schnell in Deutschland verhaftet wurde. Irgendwas muss ja hier funktionieren.

Was in Finnland und Dänemark aus den verschiedensten Gründen anders ging. Rebellion ist also kein Straftatbestand. Darum erzählt Priol auch, vom deutschen Volk sei keine Rebellion zu erwarten. Nie. Und nimmer. Und ich denke, die politischen Führer eines Landes müssen einen Putsch schon höchstpersönlich selbst anzetteln, anders ist das Volk nicht zu überzeugen.

Dann ein Beitrag von Matthias Meisner, er schreibt:

„Die Ultrarechten der AfD formieren sich neu.“

Was soll das heißen? „Kyffhäusertreffen im Juni im Burgenlandkreis: Vermieter des Schlosses ist ein FDP Mann.

Okay, denke ich, das schon wieder? Wieso ist wichtig, wer vermietet? Ich erinnere mich, in München musste ein Italiener sein Restaurant schließen, weil sich AfD Leute dort zu Mittag trafen, sie waren ganz normal, sagte er, egal, Laden dicht, Existenz vernichtet. Die Brauerei kündigt ihm, welch Zufall. Ähnlich in Flensburg

Also lese ich weiter, man muss sie nicht gut finden, Imad Karim hatte Höcke schon nahegelegt, doch bitte zu gehen, David Berger kritisiert Poggenburg.

Am Ende entscheidet jedoch der Wähler, weder die Zeitungen noch die Journalisten, doch was ich dann lese, lässt mein Blut erstarren.

„Gegen das Treffen formiert sich inzwischen breiter Widerstand. Die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Unstruttal, Jana Grandi (CDU), nannte die Vermietung des Schlosses an die AfD Rechten „sehr bedauerlich“. Sie will jetzt prüfen, ob die behördliche Genehmigung für Trauungen im Schloss entzogen werden kann.

Ich erspare mir jetzt jeden Kommentar, auch mich bringt die Anwesenheit von Björn Höcke und Poggenburg regelmäßig in Zweifel, doch ist die AfD von Vielfalt auch nicht befreit: Die AfD ist vielfältiger als die Union: titelt sogar die TAZ, ist ja auch nicht zu unterschätzen.

Ich nehme das Stück Zeitung mit, ich komme wieder und trinke einen doppelten Cappuccino, und es geht mir nicht aus dem Kopf. Und ich denke, wenn ich es morgen vergessen habe, schreibe ich nicht darüber. Doch am nächsten Tag wurde es noch schlimmer, immerzu musste ich dran denken, das gab es doch schon einmal.

Meine bescheidene Wenigkeit stellt jetzt mal ein paar Worte in den Raum:

Gesinnungsdiktatur

Willkür

Destabilisierung

Existenzvernichtung

Dogmen

Und ich frage mich, haben wir als Kinder gespielt, wer der bessere Nazi ist?

Dann höre ich DAF „Tanz den Mussolini“ und es geht mir ein bisschen besser:

Wir leben in einer Zeit, die dringend der Aufarbeitung benötigen wird. Und ich bitte alle, deren Existenzen vernichtet wurden, laut zu werden, ganz laut!

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Mehr zur Autorin gibt es auf unserer Gastautorenseite.

Im Oktober 2017 erschien ihr erster Roman „Die Wahrheit ist anders“ im Wenz Verlag.

Zur Zeit arbeite sie an ihrem dritten Roman, Arbeitstitel : „Und zerrissen die Raben mein Herz“

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