Wie richte ich einen Hashtag ein: „mir reicht’s“? Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Eine grauhaarige Frau sitzt in der Runde von Anne Will, Sonntag Abend, 12.11.2017 mit erhobenen Händen, warnend, insistierend, ernst, allein, wirkt sie mitfühlend? Löst sie Verständnis aus für die Opfer von sexistischen Attacken? Eher empfinde ich innere Abwehr und was löst diese aus?

Die Diskussion bleibt vage, Tendenz: Witze und Flirt werden der Vergewaltigung fast gleichgestellt, die doch klar definiert ist vor dem Gesetz. Herr Baum, der einzige Mann in der Runde, wirkt männerkritischer als die hier anwesenden Feministinnen. „Wir müssen die Machtverhältnisse verändern.“ „Ich würde meiner Partei gern eine Quote verordnen!“

Frau Schele ist der Meinung, jede Institution hat einen Herrn Weinstein, sie sagt, wir haben eine Kultur, die Sexismus durchlaufen lässt. Also wir haben „die Kultur“. Wir in Deutschland. Gewagte These ohne die sonst so vielgeliebt geforderte Differenzierung. In jeder Institution ein Herr Weinstein?

Die öffentlichen Räume, auf dem Karneval, auf Bahnhöfen, in denen Sexismus ganz offen von „Männern“ aus anderen Kulturkreisen täglich geübt wird, scheint sie nicht zu meinen.

„Gewalt ist etwas, was andere mit mir machen, was ich nicht möchte. Wenn das auf der Ebene der Sexualität ausagiert wird, dann ist das sexuelle Gewalt, … Missbrauch und noch mehr.“

Schade, dass Frau Schele nicht den frühsexualisierenden Unterricht meint, in dem sich der Staat in die Sexualität von Kindern einmischt, die noch nicht äußern können, was sie möchten oder nicht möchten. Das Bewusstsein für körperliche Grenzverletzung ist schlicht nicht ausgeprägt.

Was und wer genau sich hinter den hohen Zahlen von sexuellen Angriffen verbirgt, offenbart Frau Schele nicht.

Frau Himmelreich vom Stern, die im Januar 2013 den Artikel „Herrenwitz“ schreibt, sagt, sie wollte zeigen ,

dass es (Herr Brüderle) ein Spitzenkandidat ist, der nicht geeignet ist, nicht modern genug für das Jahr 2013“.

Als Journalistin. Um dies aufzuzeigen, benutzt sie als Mittel der Diskreditierung den „Herrenwitz“. Anstatt sie zu fragen, warum sie so lange gewartet, warum sie den „Aggressor“ nicht gleich in die Schranken gewiesen hat, ergeht sich Herr Baum in Demut. Sie sagt es ja irgendwie selbst, sie hat die „sexuelle Belästigung“ als Mittel zum Zweck benutzt, einen FDP Politiker zu diskreditieren.

Keine Fakten, die seine politische Unfähigkeit darstellen können, sondern ein vielleicht ungeschicktes aber bestimmt nicht diskriminierend gemeintes missglücktes Kompliment.

Humorbefreit wird die Debatte geführt.

Haben Frauen keine besseren Argumente in der politischen Auseinandersetzung? Verhandelt wird nicht im Gericht, sondern das Urteil wird ohne Anhörung medial verkündet.

Hat der Körper von Verona Pooth wirklich keine Rolle bei ihrer Karriere gespielt? Sie gibt sich humorvoll, nennt die Debatte scheinheilig, übt auch ein wenig Kritik, irgendwie erfrischend. Frau Pooth und Frau Fendel habe ich mir gern angeschaut.

Während die ARD schon mal den Kotau übt, ein Kameraschwenk von unten nach oben sei sexistisch, präsentiert Mattel die Barbie mit Hidschab, es gibt sogar ein Vorbild, die Sportlerin freut sich nun, dass kleine Mädchen schon mal mit einer Barbie üben dürfen, wie man einen Hidschab anlegt.

Kevin Spacey ist per Debatte jetzt ein Kinderschänder, der sich 24jährig zu einem 14 jährigen gelegt haben soll. Als dieser abwehrt, steht er auf und geht.

Damals war er nicht berühmt, heute, wo er es ist, wird seine Ehre gekapert, seine Existenz vernichtet. Auf dem Altar der medialen Hinrichtung.

Frau Fendel will ihn retten, doch der Zeigefinger und die erhobenen Hände vor ihrer Nase lassen sie nicht weiter zu Wort kommen.

Dustin Hoffmann hat in den achtziger Jahren einen – vielleicht missglückten – Witz gemacht. Seine Lebensleistung – egal – er, wie Kevin Spacey

…sind jetzt medial schlimmer da, als tatsächliche Vergewaltiger, stehen unterhalb der Araber und anderen „Männer“ in der Kölner Silvesternacht.

Als Frau fühle ich mich durch diese Debatte herabgewürdigt. Wenn mir einer frech kommt, kriegt er eine passende Bemerkung, wenn es zu arg ist, eine Ohrfeige. Da bin ich sogar besser dran, als männliche Opfer von Mobbing ( auch durch weibliche Vorgesetzte, da fallen mir aus dem öffentlichen Leben spontan Beispiele ein, Ihnen nicht?). Für Männer wird es schwierig, das zu benennen, wäre ja unmännlich. Ist das die angestrebte Gleichberechtigung?

Mich ärgert, dass so einer Debatte soviel Raum eingeräumt wird, der „Herrenwitz“, mag er auch geschmacklos sein, ist und wird keine Vergewaltigung, ihn so in den Mittelpunkt zu heben ist eine Verhöhnung der Frauen und Mädchen, die wirkliche Opfer sind.

Klassenlehrer und -Innen wissen am Ende eines Schuljahres nicht, ob manche Mädchen aus einem anderen Kulturkreis im nächsten Jahr wiederkommen. Es ist gut möglich, sie wurden mal schnell minderjährig verheiratet. Das ist eine ehrliche Debatte wert, das sind auch wirkliche Opfer von Sexismus.

Ein Trupp Araber, der sich neben mich setzt und „ficki ficki“ sagt, den empfinde ich als Bedrohung, aber dieses Thema wird von den Berufsfrauen totgeschwiegen.

Ein Mann (Phänotyp südländisch), der mich beim Joggen verfolgt, vor dem ich erst kürzlich im Volkspark Friedrichshain geflüchtet bin, der ist für mich gefährlich.

Und was passiert durch so eine öffentliche Vernichtung Einzelner, ohne Gerichtsverfahren, ohne Möglichkeit, sich fair zu wehren? Soll ich den Namen des Schülers outen, der, als wir beide zwölf waren, im Klassenzimmer versucht hat, zwischen meine Beine zu greifen? Vielleicht ist seine Karriere dann auch hin. Ich fand es schon mit zwölf besser, ihn mit Schulmöbeln zu bewerfen. Er hat mich nie wieder angegrapscht.

Haben wir jetzt eine bessere Gesellschaft, haben wir bessere Beziehungen? Was macht das mit der natürlichen Anziehungskraft zwischen Mann und Frau, dem Spiel zwischen den Geschlechtern, dem umwerben? Welche Frau mag keine Komplimente? Sollen Männer jetzt aus dem Fahrstuhl aussteigen, wie in Amerika üblich, wenn Frauen einsteigen? Soll dadurch geteiltes Schwimmen, so wie in Darmstadt jetzt bald eingeführt, entschuldigt werden?

Werden jetzt Witze verboten? Neue Gräben entstehen.

Alles wird verboten sein, runtergespielt oder aufgeputscht, so wie es sich die Medienvertreter und Parteien grad einfallen lassen, damit über die großen Probleme nicht geredet werden muss, über die wirklichen Opfer von Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Und die Opfer, die unnötigerweise durch Politikversagen noch hinzukommen und werden. Und gerade, weil Frauen das „schwächere“ Geschlecht sind, durch körperliche Unterlegenheit, wundert es mich, dass wir durch Politik und Medien nicht besser und aufrichtiger vertreten werden, also auch geschützt werden. Das erwarte ich durch ehrliche Debatten und Beiträge, die wirkliche Täter und strafrechtlich relevante Taten auch ordentlich benennen.

Opfer von Vergewaltigung, die nichts mehr sagen können, wurden am Sonntagabend nicht einmal erwähnt. Maria L., vergewaltigt und getötet, ihre Stimme, verstummt.

Doch hat sie während eines Filmdrehs einen schlechten Witz gehört? Nein. Sie wurde während ihres Nachhauseweges vom Fahrrad gestoßen, gewürgt, ihre Geschlechtsorgane wurden malträtiert und dann wurde sie in den Fluss gelegt, zum Sterben. Mord. Eine Frau polnischer Staatsbürgerschaft, die, in Rimini vergewaltigt und deren Gebärmutter nach der brutalen Attacke rausoperiert werden musste, ist ebenfalls nicht präsent in der illustren Runde, ist keiner Erwähnung wert. Sie wurden von Männern geschändet, die aus einem anderen Kulturkreis stammen.

Frauen, die sich nicht wehren konnten, die keine Lobby haben. Weil sie die „falschen“ Täter erwischt haben.

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andrea berwingVon der Autorin ist nun die Neuausgabe ihres Buches „Die Wahrheit ist anders“ erschienen: Amazon

An folgenden Terminen kann man die Autorin in den nächsten Wochen bei Lesungen persönlich kennen lernen:  Lesung Vokü mit Andrea Berwing 28.11.2017  18.00 Uhr bis 22.00 Uhr  Offenes Jugendhaus Riesa, Bahnhofstraße 44, 01587 Riesa – , 29.11.2017 Lesung – geschlossene Veranstaltung – JVA Zeithain, Justiz Sachsen – , 21.12.2017 Lesung Z-Bar in Berlin Mitte, Bergstraße 2 in 10115 Berlin – 20.15 Uhr

 

 

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