Ein Gastbeitrag von Jürgen Fritz

Die politischen Achsen haben sich in den letzten Jahrzehnten kräftig verschoben und die Orientierung ist vielen Menschen der westlichen Welt völlig verloren gegangen. Jürgen Fritz unternimmt den Versuch der Rückgewinnung von Orientierung, Realismus und zugleich Idealismus.

Links sein heißt unter anderem, an die politische Gleichheit aller Menschen zu glauben, sprich an die Gleichberechtigung – Gleichheit vor dem Gesetz und Gleichheit an Würde -, ferner an die grundsätzliche Bildungsfähigkeit und Mündigkeit aller Menschen. Links sein, heißt mithin über die Nation hinaus zu denken, international zu denken, sich um das Wohl aller Gedanken zu machen, nicht nur der eigenen Landsleute. Insofern bin ich durchaus ein Linker.

Links sein heißt aber auch, progressiv, also fortschrittsgläubig zu sein, heißt, Anhänger der Aufklärung und der Menschenrechte zu sein. Und zwar der universalen Menschenrechte. Links sein heißt also, Universalist zu sein. Der Linke will zerstören und ausrotten. Er will z.B. die Sklaverei zerstören und ausrotten, was er auch mittels Kriegen getan hat, wofür er Opfer brachte. Genau das macht Wertvorstellungen aus: die Bereitschaft, für seine Überzeugungen, seine Werte Opfer zu bringen. Und die Ausrottung der Sklaverei ging ausschließlich von europäischen Köpfen aus gegen den erbitterten Widerstand ganz besonders der arabisch-muslimischen Welt.

Der Linke will die Unterdrückung von Menschen durch Menschen (und auch die von Göttern) zerstören und ausrotten. Er will, dass bestimmte Wahrheiten überall auf der Welt erkannt werden und dass die Menschenrechte überall auf dem Globus Geltung haben sollen. An so etwas wie „subjektive Wahrheiten“ (nicht subjektive Sichtweisen!) und ethischen Relativismus glaubt er nicht nur nicht, er weiß, dass es so etwas gar nicht geben kann. Auch in all diesen Punkten bin ich ein Linker, ein Universalist.

Warum ich kein neuer Linker bin

Der neue Linke will all das – abgesehen von dem Streben nach objektiver Wahrheit, die er versucht zu zerstören – sofort, vor allem die weltweite Geltung der Menschenrechte. Er denkt nicht in Zeithorizonten, er denkt nicht in großen Bahnen, er denkt überhaupt wenig, will vielmehr alles jetzt sofort im Hier und Jetzt, ohne sich Rechenschaft zu geben, wie diese einzigartige Entwicklung des Geistes und der kulturellen Höhe in Europa zustande kam, wo die Menschenrechte und die Würde des Menschen entdeckt wurden.

Der neue Linke will die ganze Welt in Deutschland und Europa heilen, was natürlich nicht die Welt heilt, sondern Deutschland und Europa zerstört, so dass es in wenigen Jahrzehnten gar keinen Hort der Aufklärung, des Rechtsstaates, der politischen und individuellen Freiheit, der Demokratie und Menschenrechte mehr geben wird.

Weshalb ich kein neuer Rechter bin

Der neue Rechte will ähnlich dem neuen Linken die anderen sein lassen, wie sie sind, nur ohne sie mit uns zu vermischen. Jeder soll bleiben, wo er ist und dort nach seiner Facon glücklich werden oder auch nicht. Was in Land B passiert, soll in Land A niemanden etwas angehen. Niemand hätte sich also einmischen sollen, als die Nazis anfingen in Deutschland „aufzuräumen“. Das ging die anderen alle nichts an, denkt der neue Rechte. Er akzeptiert die Kultur aller anderen als ein gewachsenes So-sein, Stichwort: Ethnopluralismus.

Der Ethnopluralist akzeptiert ebenso wie der neue Linke das Anders-sein des anderen unbegrenzt, will nur keine Vermischung, will die Reinheit von A und B bewahren, obwohl er sie als gleichrangig ansieht. Sein Weltbild basiert auf der gleichen Grundlage wie das des Neulinken: Es gibt kein oben und kein unten, kein besser und kein schlechter. Alle Kulturen sind gleichrangig und es gibt keinen objektiven Maßstab.

Die Schizophrenie des neuen Rechten und des neuen Linken

Wenn eine Frau in Land A ihrem kleinen Mädchen die Genitalien verstümmelt, dann verurteilt der neue Rechte dies unter Umständen aufs Schärfste. Macht aber ein paar Kilometer weiter eine Frau in Land B genau das Gleiche, so sagt er, das sei in Ordnung und richtig, weil man das dort immer schon so macht. Wenn die Frau aus Land A in Land B geht und ihr Kind dort verstümmelt, dann beurteilt er die gleiche Tat womöglich wieder anders. Oder wenn die Frau in Kultur A ihre Freundin aus Kultur B bittet, verstümmle du mein Kind, ich kann das nicht, so verurteilt der neue Rechte nur die Frau aus A, die Anstifterin, aber nicht die aus B, die Täterin.

Warum denkt der neurechte Ethnopluralist so schizophren? Weil es ihm genau wie dem neuen Linken an ethischer Bildung, weil es ihm an moralischer Orientierung mangelt. Weil er nicht fähig ist, eine universale Perspektive einzunehmen. Weil er den Menschen reduziert auf ein vernunftunfähiges, nicht autonomes Etwas, das vollkommen von der Kultur determiniert ist, in der es aufwuchs, unfähig diese zu reflektieren, kritisch zu hinterfragen und sich über sie zu erheben, aus ihr herauszuwachsen.

Noch schlimmer ist aber der neue Linke. Wenn die Frau aus Kultur B in Kultur A migriert und dort ihr Kind verstümmelt oder ein alter Mann ein kleines Mädchen heiratet, so bejaht der neue Linke dies sogar auf dem Territorium von A, während er es bei Personen, die in A geboren und aufgewachsen sind, verurteilt. Damit zerstört er die politische Gleichheit, die Gleichheit vor dem Gesetz und verletzt die Würde des Kindes auf dem Territorium von A und lässt die Entstehung von Parallelgesellschaften mit völlig anderen Wert- und Moralvorstellungen zu, die sogar gegen die Menschenrechte verstoßen.

Gemeinsame Basis von neuen Rechten und neuen Linken: der Kulturrelativismus

Der neurechte Ethnopluralismus und der neulinke Multikulturalismus haben die gleiche Basis: den Kulturrelativismus, der wiederum auf den ethischen Relativismus zurückgeht. Die Grundgedanken dieser Weltanschauung finden sich übrigens schon bei Arthur Rosenberg, dem Chefideologen des NS-Regimes. Das weiß der neue Linke natürlich nicht. Warum weiß er das nicht? Weil er meist nicht sehr gebildet ist.

Wenn in Land A nicht gefoltert und gevierteilt wird, in Land B aber schon, weil man das schon immer so macht dort, dann ist dies für den neurechten Ethnopluralisten völlig in Ordnung, ja mehr noch als das: es ist für ihn sogar gut so und jede Einmischung von A, auch über moderat vorgetragene Kritik, über vernünftige Argumentation erscheint ihm als unzulässiger Eingriff in eine fremde, gleichberechtigte Kultur B.

Ähnliches gilt für den neuen Rechten in Bezug auf Sklaverei, Genitalverstümmelung von Kindern, Steinigungen, öffentliches Auspeitschen, Unterdrückung von Frauen, die, so sie vergewaltigt wurden, anschließend dafür auch noch bestraft werden, weil sie ihre Reinheit eingebüßt haben, oder in Bezug auf Mord an Kindern, die man gerade nicht gebrauchen kann, usw. usf. All das ist für den neuen Rechten völlig in Ordnung, weil es ja keinen objektiven Maßstab, kein oben und kein unten gibt.

Der Multikulturalismuswahn

Der neue Linke denkt ganz ähnlich, will darüber hinaus das alles aber auch noch zu uns holen und sieht darin keine Verschlechterung des erreichten kulturellen Levels, weil es ja kein oben und kein unten gibt, weil alles gleichrangig ist. Die Allerdümmsten, die man gehäuft bei den Grünen findet, sehen die Vermischung mit völlig rückständigen, primitiven, minderwertigen Kulturen sogar als Bereicherung, was sie dann „bunte Vielfalt“ nennen.

Die Gefahr, dass das Primitive – allein auf Grund der viel höheren Geburtenrate – das Höherwertige auf lange Sicht auslöschen könnte, dass alle Errungenschaften wie Republik, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, Volkssouveränität, Gewaltenteilung, Menschenwürde und Menschenrechte wieder verloren gehen könnten, sind völlig außerhalb des Horizontes dieser Multikulturalismus-Anhänger, die meist historisch völlig ungebildet sind.

Der kluge und ethisch gebildete Altlinke

Der Altlinke, der im Idealfall philosophisch gebildet ist, glaubt nicht nur an die Überlegenheit von Aufklärung und Menschenrechtsdenken, er weiß darum und kann diese sauber herleiten und begründen. Anderes lässt er nicht gelten oder nur auf Zeit, weil er weiß, dass manche Dinge, die über Jahrtausende gewachsen sind, nicht von heute auf morgen verändert werden können. Er akzeptiert also nicht grundsätzlich jedes Anders-sein des Anderen – außerhalb des Bereichs des Moralischen natürlich schon -, sondern nur vorübergehend, weil er auf Grund seiner historischen Bildung Realist genug ist zu wissen, dass Veränderungen Zeit benötigen und man dem anderen das Richtige nicht mit Gewalt aufzwingen kann, da es dann oftmals aufhört, das Richtige zu sein.

Sein langfristiges Ziel, den Weltstaat, verliert er aber nie aus dem Auge, genauer: die Weltrepublik freier, mündiger Bürger, in der die Menschenrechte für alle garantiert werden, in welcher es keine Sklaverei und keine systematische Unterdrückung gibt, in welcher Freiheit, politische Gleichheit und Solidarität (Brüderlichkeit) herrschen. Zugleich ist er Realist und weiß, dass dies ein langer Kampf sein wird, der noch Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende andauern wird.

Der kluge Altlinke kennt die Kategorie des Feindes

Der Altlinke ist ein Kämpfer, der die Kategorie des Feindes noch kennt und der vernichten will. Was will er vernichten? Den Aberglauben, die Dummheit, die Lüge, die Selbsttäuschung, die Heuchelei, die Unterdrückung, z.B. der Redefreiheit, die Sklaverei. Der Altlinke ist ein Meister der Zerstörung, ebenso wie jeder gute Philosoph. Kant nannte man den Alleszermalmer. Die Zerstörung kann dabei durchaus bisweilen behutsam von statten gehen, mit Empathie und Milde, nicht plump und grob.

Der Rechte, der Konservative ist dagegen ein Meister des Bewahrens und Erhaltens. Das ist genau so wichtig, wenn nicht noch wichtiger. Denn wer alles zerstört, hat gar nichts mehr. Der Rechte weiß um die Wichtigkeit von gewachsenen Strukturen und um die Fragilität des Ganzen. Daher ist sein Augenmerk im Idealfall auf den Schutz des Bewahrenswerten gerichtet. Insofern bin ich zugleich ein Rechter.

Das Wissen um die Ungleichheit im Sein

Der Kluge weiß, dass Menschenrechte derzeit weltweit nicht durchsetzbar sind. Er weiß, dass es nur einen einzigen Kontinent gibt, in dem der Geist die Idee der Menschenrechte, der Menschenwürde und der Aufklärung entwickelt hat. Er weiß, dass die Menschen von Natur aus in vielem gleich, in vielem aber auch unterschiedlich sind, auch was ihren Intellekt und auch was den Grad der Verwirklichung des Mensch-seins anbelangt, den sie bereits erreicht haben. Das ist eigentlich eher ein rechte Position. Insofern bin ich wiederum zugleich ein Altlinker und ein Rechter.

Der kluge Realist weiß auch, dass es hier Unterschiede gibt zwischen den Nationen, vor allem aber zwischen den Kulturkreisen. Daher weiß er um die Gefahr, wenn Europa mit Kulturfremden geflutet wird, die diese Konzepte von Demokratie, Staatsbürger, Volkssouveränität, Aufklärung, Menschenrechte und Menschenwürde in der gesamten Geschichte der Menschheit niemals entwickelt haben und ihnen auch heute im 21. Jahrhundert oftmals noch fremd gegenüberstehen.

Das Wissen um den langen Weg zur politischen Gleichheit

Der kluge Altlinke will, dass die Welt insgesamt zu einem besseren Ort wird für alle. Er weiß aber, dass dies ein langer, ein sehr langer Weg sein wird, der Schritt für Schritt gegangen werden muss. Er weiß, dass zunächst die Nation und Europa geschützt werden müssen und dass das Zusammenwachsen der Menschheit ein organisches sein muss, welches über Aufklärung und Bildung, über innere Annäherung der Seelen und das heißt auch der Weltbilder zustande kommt und nicht über das internationale Großkapital, welches im Menschen nur den potentiellen Konsumenten und Abnehmer seiner Produkte sowie die Arbeitsameise sieht und nicht den Träger von Geist, Autonomie, Vernunft und Würde. Der neue Linke weiß gar nichts.

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Literaturempfehlung: Egon Flaig, Die Niederlage der politischen Vernunft – Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen, zu Klampen 2017

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Der Beitrag erschien zuerst auf dem äußerst empfehlenswerten Blog von JÜRGEN FRITZ