Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Freiheit und Gleichheit waren die Slogans der 60er, 70er Jahre, der Hippie Bewegung, die die Fesseln der gesellschaftlichen Begrenzungen sprengen wollten, es waren die Fesseln der Monogamie, der Bigotterie, Glaubenssätze wurden in Frage gestellt, no war – peace, was sollte daran falsch sein?

Es ist das 20.e Jahrhundert der Freisprechung, des Opferseins, Schuld und Verantwortung werden tabuisiert. Selbst der Mörder, der Vergewaltiger wird zum Opfer, hört man sich seine Gründe an, warum er die jeweilige Tat beging.

Institutionelle Gemeinschaften sind durchdrungen worden von Opfergemeinschaften, die sich durch gemeinsame Ausgrenzung entweder durch ihren Glauben, ihrer Moral oder durch einen starken Leidensdruck durch gesamtgesellschaftliche Moralvorstellungen definieren und dadurch einen gemeinsamen Nenner schufen auch ohne eigene Verantwortung zu übernehmen. Diese Lücke der Freisprechung von Schuld und dadurch die Annahme eines gemeinsamen Opferstatus machen sich verschiedene religiöse Gemeinschaften zunutze und auch Einzelpersonen, die zum Täter geworden sind oder dies noch werden, um sich dem hoch geschätzten Opferkult anzugliedern und damit nicht in eine gesellschaftliche Haftung genommen werden. Täter sind immer die anderen.

Opfer sind jedoch immer auf Täter angewiesen und werden diese immer weiter generieren, sie brauchen sie.

Es ist die logische Folge einer Inkonsequenz vom immerwährenden Slogan Freiheit und Gleichheit, in dem jeder für schuldlos gehalten wird. Diese Doppelbödigkeit führt logischerweise bei vielen Menschen zu einer starken Verunsicherung, jedoch wird mit dieser Unlogik die Gesellschaft in Atem gehalten.

Verantwortung zu tragen, selbst dafür Sorge zu tragen, dass und wie man sich von anderen unterscheidet und sich und seiner Umgebung damit einzigartige Bedeutung zu verleihen, davor haben viele Menschen heutzutage Angst. Und diese Angst hemmt und macht ohnmächtig.

Keinen Unterschied zwischen zwei Personen zu machen, heißt, sie als nicht existent zu benennen und keinen Unterschied machen zu können, heißt sie zu neutralisieren, zu verbannen in ein leidenschaftsloses Neutrum oder eine Masse von indifferenten Menschen.

Die Herausforderung im 21. Jahrhundert besteht schon darin, sich seiner eigenen Verantwortung zu stellen, eben nicht an einem allgemeingültigen Gruppendefekt zu leiden, der zu bedauern ist oder eben diskriminiert wird. Den Zustand der Schuldlosigkeit kann kein erwachsener Mensch erringen und auch kein Volk, in dem es immer wieder neue Täter kreiert, auf welchen Seiten auch immer.

Die Spirale von Opfer, Täter und Retter wird sich auf diese Weise immer mehr hochschaukeln und niemand wird mehr wissen, wer er überhaupt selbst ist, wo er steht.

Offizielle Medien nehmen sich zum Beispiel als Opfer von Demütigung und einer gemeinsamen Verletzung wahr, obwohl sie genau von denen, die sie angeblich verletzen, weil sie durch sie kritisiert werden, bezahlt werden. Hätten sie Charakter, würden sie auf Gelder von denen, deren Opfer sie geworden sind, zum Beispiel die GEZ Gebühren verzichten.

Auf der anderen Seite stehen die, die sich ihrerseits als Opfer sehen, als um die Wahrheit betrogen, um eine wahrheitsgemäße Berichterstattung. Sie schalten den Fernseher ab, entsagen sich den Zeitungen, was sinkende Verkaufszahlen zu berichten wissen. Werden jedoch zwangsabkassiert und ihrerseits diffamiert. Wir sind in einer Spirale angekommen.

„We need a revolution“, sagt der sympathische italienische Barkeeper auf Sardinien, als ich mich mit ihm mit ihm über die Probleme der ungebremsten Migration unterhalte.

Wir brauchen nur eine paar ehrliche Blicke tauschen und verstehen uns. Ja, eine Revolution, keinen Opferkult von irgendwas. Italien, Frankreich, Deutschland, überall, sagt er, großes Problem. „We will see!“ antworte ich ihm. „Revolution!“ hat etwas faszinierendes, das Wort, jedoch ich bin Mutter, arbeite, ich bin angewiesen auf zivile Strukturen und Revolution, wer backt das Brot, bringt die Milch, woher kommt der Strom, die Lehrer für meine Kinder. Revolution, ja, als Mann ja, als Frau, uralte Kriegerin, die spüre ich auch in mir und doch möchte ich es lieber nicht. Es wird eine andere Art von Revolution geben, denke ich. Die, sich zu erlauben, anders zu sein. Sich nicht gleichbügeln zu lassen von übrigens niemandem.

Immer öfter befällt mich der Gedanke, dass es in unserer heutigen Zeit nicht darum geht, was ist wahr und was ist falsch, ein jeder unterliegt seiner eigenen Fiktion nah oder fern der Realität, sondern, dass das Schwierigste sein wird, die Wahrheit zu ertragen.

Unterdrücken die Medien zum Beispiel die negativen Auswirkungen der unbegrenzten Einwanderung nach wie vor ohne Einwanderungsgesetz und erfinden dafür um so mehr positive, so ist das ja das schwer zu Ertragende. Doch es entspricht der Wahrheit. Eine Vogel Strauß Politik und Mentalität ist schwer zu ertragen.

Und der Mensch, der lügt und betrügt, sich von seiner eigenen Wahrheit selbst immer weiter entfernt, als es ihm lieb sein kann, verleugnet er sich doch und entfernt sich in Lichtgeschwindigkeit von dem, wonach er sich selbst am meisten sehnt. Und steht dem eigenen Lügner unerbittlich irgendwann gegenüber. Er selbst entfernt sich von dem, was er insgeheim am meisten schätzt, und wird damit unwirklich. Seine eigenen Konturen, Merkmale, auch die angeborenen verschwinden. Das kann ein Journalist sein, der mit der Zeit seine Ideale über Bord werfen musste, das kann der Musiker sein, der Intervalle verwirft, die ihm interessante Disharmonien bringen würden, jedoch, der Harmonielehre willen, verwehrt er sich seine eigene Erkenntnis.

Biedermeier Political Correctness, die über viele hereingebrochen ist, das Beruhigende beunruhigt mehr, als mir lieb ist.

Was ist nun Opferstatus, ich die Belogene? Dabei weiß ich doch, ich hab mich informiert, ich liebe es zu argumentieren, mich zu unterhalten, ich und viele andere Menschen unterscheiden sich vom gemeinsamen Opfernenner. Ich benötige nicht die Sehnsucht nach einem geteilten Schicksal und nur das wird mir Bedeutung verleihen. Nein.

„We need a Revolution!“ Freiheit ist Ungleichheit! Nicht ein gemeinsamer Opferstatus ist Freiheit, der immer neue Täter generieren muss, um weiter Opfer bleiben zu können, ist der Mut der heutigen Zeit, sondern einfach anders zu sein.

Berwing_Cover 2 (002) (1)Nicht wie alle Schwule, nicht wie alle alleinerziehenden Mütter, nicht wie alle Ehefrauen, nicht wie alle Chefs, nicht wie alle Ameisen. Gäbe es sie nicht, die kritischen Stimmen, würden wir verloren sein in einer Art Müdigkeitsgesellschaft. Auch die kann jedoch einen Vorteil haben, vielleicht kommt es bald dazu, dass vielen Menschen die Lust vergehen wird, sich einzusetzen, Steuern zu zahlen, zu arbeiten, der Busfahrer, der Bäcker, die Verkäuferin, der Arzt, die Krankenschwester, die Lehrerin, der Lehrer, der Politiker, der Journalist, der Kritiker, der Aufklärer, weil ihnen immer mehr ihre individueller Freiheit und damit Freiheit genommen wird. Die nämlich genau den Unterschied ausmacht, die Ungleichheit, Disparität, Verschiedenheit.

Menschen, denen die individuelle Freiheit genommen wird, sich zu kleiden wie es beliebt, sich frei zu bewegen und zu jeder Uhrzeit. Zu denken, wie ihm beliebt, sympathisch zu finden, wen er mag und nicht zu mögen, wenn er nicht will. Arrogant oder freundlich zu sein. Politisch korrekt oder unkorrekt zu sein, je nach den ehernen Gesetzen, die in ihm wohnen und die auch andere Energien erlauben, wenn nötig, aggressive oder auch mitfühlende empathische. Die Freiheit, Unrecht zu haben, sich irren zu können, schwach zu sein und wieder stark. Vielleicht ist das die neue Revolution, keine Lust mehr zu haben, immer gleich zu sein. Die Notwendigkeit nicht einzusehen. Wenn die Kraft und der Wille dafür fehlen, vielleicht durch eigene tagtägliche Erlebnisse oder durch Erzähltes.

Vielleicht bewahren uns ja die Medien in ARD und ZDF und auch in den Zeitschriften vor einer Art Desillusion? So können viele noch an das Gute glauben, es wird schon alles gut gehen. Die, die jedoch grübeln, nachdenken, nachschlagen und wo auch immer, um mehr zu erfahren, fragen sich schon eher Wofür? Für wen? Irgendwann. Dafür sich beschimpfen und diffamieren zu lassen, wenn auf Aufklärung und auf das Grundrecht der Freien Meinungsäußerung wert gelegt wird? Das höchste geistige Gut.

Es ist nicht einfach, einer Entwicklung stumm zuzusehen, die einem große Sorge bereitet. Und dafür sind wir auch nicht vorgesehen.

Es würde ja nicht einmal eine Entwicklung stattfinden, wären wir willfährig. Den Einzelnen unter kollektive Ideale zu zwingen, sind eindeutige Zeichen einer Diktatur. Eine Diktatur sieht sich selbst als Opfer, indem sie Täter in denen generiert, die sich dem angeblichen Diktat von Freiheit und Gleichheit nicht unterwerfen, die die Diktatur der Zensur kritisiert. Die Wahrheit zu unterdrücken ist gleichzusetzen mit der Unterdrückung einer Erkenntnis, einer Kenntnis.

Eine Demokratie hat auch Feinde, doch sie wird sich mit ihnen auf Augenhöhe auseinandersetzen und nicht die Freiheit für sie unterjochen. Augenhöhe mit der Ungleichheit, Verschiedenheit, Disparität nenne ich das. Sie entscheiden selbst, wohin wir uns ihrer Meinung nach bewegen und sind mittendrin gefragt.

Die größte Herausforderung der heutigen Zeit ist, die Wahrheit zu ertragen. Und die Wahrheit ist die Lüge. Hinter den Kulissen und in der jeweils eigenen Fiktion.

Freiheit und Gleichheit hieß auch ein Slogan, dem mein Hauptprotagonist unterworfen war in der ehemaligen DDR und in der Punkbewegung, die eine Protestbewegung gegen die Unterwerfung des menschlichen Geistes in einer Diktatur gewesen ist. Am 28.9.2017 findet eine Lesung statt, wenn sie mich gern kennen lernen möchten, haben sie hierzu Gelegenheit. Roman: „Die Wahrheit ist anders“

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andrea berwing

PP-Gastautorin Andrea Berwig (Foto links)