Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Man weiß, daß es geschehen ist. Alle Tatsachen sind bekannt. Wir leben im Zeitalter des Gottes der metallenen plastikumrandeten Chips, technikaffin bedenkt sich der Zeitgeist modern und fortschrittlich. Das ganze Gerüst der Daten und Ereignisse ist vorhanden, – jedoch – Inhalt kann man ihm nicht verleihen. Der Fanatiker liebt seinen eigenen Fanatismus, seine selbstauferlegten Beschränkungen und die daraus erwachsende einseitige Sichtweise treten heute an die Stelle des Denkens. Fiktion und die Leugnung der enttäuschenden Wirklichkeit treten an die Stelle von neutraler Berichterstattung. Das eigene Selbstwertgefühl bezieht der Leugner aus seiner Liebe zum eigenen Fanatismus. Er benötigt nichts Anderes mehr, um sich überlegen zu fühlen. Widerworte, Reflektion, Kritik werden nicht geduldet.

Inmitten der lautlosen Leugnung ist ein Mann, ein Täter, ohne Hintergrund, bis der Fehler behoben ist, die Leugnung vollkommen scheint. Und so lerne ich wieder dazu. Jeder Mensch und jede Zeit haben einen eigenen Gott. Das wahre Wesen liegt in der psychologisch bedingten Historizität. Leugnung und Wiederholung. Wenn wir uns informieren wollen, werden wir informiert, oft tendenziös.

Damals wusste man, dass es geschehen war, das ganze Gerüst an Daten und Ereignissen war bekannt. Inhalt kann man den Geschehnissen nicht verleihen. Wir sind wieder verbunden mit der Vergangenheit. Der Kreislauf wiederholt sich.

Eine Berichterstattung:

Wieder wurden Menschen ermordet und verletzt. Dank sei den Mutigen, die den Messerstecher nicht haben entkommen lassen. Aber ich frage mich auch, wie wohl die Berichterstattung gewesen wäre, hätten ausschließlich Deutsche den Messerstecher verfolgt:

Hätte dann die Berichterstattung so gelautet? Finde den Fehler!

„Eine selbst ernannte Bürgerwehr überwältig brutal einen psychisch kranken Flüchtling und schlägt ihn mit zwei Pflastersteinen nieder. In Hamburg. Wo sonst? Die Reaktionen auf solche Meldungen lassen nicht lange auf sich warten.

„Es zeigt sich wieder einmal, dass Rassismus und Menschenfeindlichkeit zu einer traurigen Realität in Hamburg gehören“, sagt der Chef der Grünen-Fraktion im Bundestag, Toni Reiterhof. Der Linken-Bundesgeschäftsführer Matz Höhnig spricht von „widerwärtiger Lynchjustiz“.

Der Flüchtling wollte sich doch eigentlich nur mal ein Toastbrot kaufen. Nachdem er schon in den Bus einstieg, kehrte er aus noch nicht geklärten Umstanden plötzlich um, lief in den Supermarkt und nahm sich ein Messer aus der Verpackung. Auf dem Video sieht man, wie vier Männer den Flüchtling verfolgen, geradewegs auf ihn zugehen, sie haben Stühle in der Hand. Auch andere Männer mit Metallstangen und Sonstigem verfolgen ihn. Sofort wirft einer der Männer einen Stuhl. Zu viert stoppen sie den Flüchtigen.

Einer der Männer ist Markus Tisch. Der 50jährige ist in der AfD. Es gebe keine Bürgerwehr und er wolle auch keine, sagt Tisch. Er habe zusammen mit drei Bekannten eingegriffen, weil der Flüchtling ein Messer in der Hand trug, blutverschmiert. Und Menschen bedroht habe.

Tisch gibt zu, dass sie den Mann geschlagen hätten. Jener habe um sich geschlagen, getreten und versucht, ihn und die drei anderen zu erstechen. Als es dem Flüchtling gelungen sei, erneut weiterzulaufen und er sich umdrehte, hätten sie ihn erneut beschmissen und mit Wackersteinen zu Boden gebracht.
Reue zeigt Tisch keine. Schließlich habe er Zivilcourage bewiesen und würde es wieder machen.

Die Polizei ermittelt gegen ihn und zwei seiner Bekannten wegen des Verdachts auf Freiheitsberaubung. „Wir werden die Geschehnisse, auch das Handeln der vor Ort eingesetzten Streife, untersuchen“, sagt der Polizeipräsident. Zu prüfen sei nun, ob Tisch und seine Bekannten das Festhalte- und Festnahmerecht durch Jedermann, wie es das Gesetz erlaubt, überschritten hätten, fügt sein Sprecher hinzu. In die Arbeit der Ermittlungsgruppe „Hamburg“ ist auch der Staatsschutz eingebunden.

„Es ist das eine, dazwischen zu gehen, wenn eine Situation eskaliert, die Situation zu beruhigen. Einen psychisch kranken Mann jedoch zu schubsen, zu schlagen und mit Steinen zu bewerfen, überschreitet jedwede Grenze und ist Selbstjustiz“, sagt Hamburgs Linke-Partei und Fraktionschef Richie Hardtgeb. Er nennt es „Wild-West-Manier“.
Der Hamburger Bürgermeister ist von dem Vorfall entsetzt. „Ich bin bestürzt und sprachlos und muss sagen, dass ich mich für das Handeln dieser Männer schäme“, sagt Wulf Scholand.“

Und hier zum Original: Typisch Sachsen – Empörung über Vorgehen gegen Flüchtling

Während in der sonstigen Berichterstattung in der Vergangenheit immer wieder (sei es Mord, Messerstechereien, Vergewaltigungen, Straßenkämpfe) sorgfältig vermieden wird, die Identität von Tätern mit Migrationshintergrund zu nennen, hebt zum Beispiel die „Welt“ die Identität der mutigen Männer von Hamburg hervor. Plötzlich ist sie nennenswert.

Daß umgekehrt Menschen hierherkommen, aus anderen Kulturkreisen, die wiederum massiven Kulturschocks erliegen, sich im Gebiet der menschlichen Gleichheit, ein Gebiet, das durch Gesetze und Gebote zusammengehalten wird, nicht zurechtfinden, wird ebenfalls geleugnet.

Es ist von Integration die Rede, die aufgrund von der Masse der Zuwanderung und dem, was eine Gesellschaft tragen kann, oft ad absurdum geführt wird. „Du sollst nicht töten“ ist ein Gebot. Die Wirklichkeit des Normalen wird übertreten, sobald dieses Gebot übertreten wird. Die Verachtung anderer und die Überhöhung des Ideals durch Verleugnung der Realität gehören zusammen.

Das gehorsame und rigide Festhalten am Verleugnen der Realität ist Methode, um eigene Macht zu erlangen und sich einbilden zu können, man stünde über anderen und könnte sie insgeheim oder auch ganz offiziell verachten und verurteilen.

Ich bin eine unbewaffnete Leserin.

Wird die Zivilcourage eines Menschen mit Migrationshintergrund als wertvoller bewertet, als die eines deutschen Staatsbürgers?

Nennt man das Einschreiten, um eine Straftat zu verhindern, von einem Menschen mit Migrationshintergrund heldenhaft und das Einschreiten, um eine Straftat zu verhindern, von einem Deutschen als Übergriff?

Genau das wirft Fragen auf!

Andere Tatsachen, die keinen Grund für Freude aufkommen lassen, aus diesem Grund spreche ich von Leugnung, finden sie hier: POLITIKVERSAGEN

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Berwing Portrait

(c) Text: Andrea Berwing

Roman der Autorin: Andrea Berwing,  „Die Wahrheit ist anders“ – C.M.Brendle Verlag