Viele sprechen inzwischen davon, dass wir in der DDR 2.0 leben. Nachdem der Bundestag das Maassche Zensurgesetz durchgewunken hat, verstärkt sich dieser Eindruck enorm. Eine die die DDR erlebt hat, ist PP-Gastautorin Andrea Berwing. Und die Gedanken, die nun in ihre aufsteigen, sind nicht nur für Menschen, die die DDR erleben mussten, beängstigend.

Kennen Sie das Milgram Experiment? Die: „Bereitschaft durchschnittlicher Personen zu testen, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Der Versuch bestand darin, dass ein „Lehrer“ – die eigentliche Versuchsperson – einem „Schüler“ (ein Schauspieler) bei Fehlern vermeintlich einen elektrischen Schlag versetzte. Ein Versuchsleiter (ebenso ein Schauspieler) gab dazu Anweisungen. Die Intensität des elektrischen Schlages sollte nach jedem Fehler erhöht werden. Diese Anordnung wurde in verschiedenen Variationen durchgeführt.“

„Das Experiment wurde später als fragwürdig eingestuft. Milgram selbst sprach später von der Banalität des Bösen und erkannte: „Dieses Konzept der Banalität des Bösen, so argumentiert er, komme der Wahrheit sehr nahe. Die fundamentalste Erkenntnis der Untersuchung sei, dass ganz gewöhnliche Menschen, die nur ihre Aufgabe erfüllten und keinerlei persönliche Feindschaft empfinden, zu Handlungen in einem Vernichtungsprozess veranlasst werden können.“

Milgram ging von zwei Funktionszuständen aus:
1.) einem Zustand der Autonomie, in dem das Individuum sich als für seine Handlungen verantwortlich erlebt, und

2.) einem „Agens-Zustand“, in den es durch den Eintritt in ein Autoritätssystem versetzt wird und nicht mehr aufgrund eigener Zielsetzungen handelt, sondern zum Instrument der Wünsche anderer wird.

Die meisten Versuchspersonen orientierten sich an den Anweisungen des Versuchsleiters und nicht an dem Schmerz der Opfer. War der Versuchsleiter anwesend, war das am wirksamsten, wenn die Instruktionen per Tonband oder Telefon erfolgten, am wirkungslosesten. Die Nähe zum „Schüler“ beeinflusste die Bereitschaft zum Abbruch des Versuches. Ohne Rückmeldung der „Schüler“ gingen praktisch alle Versuchspersonen bis zur höchsten Schockstufe, während beim direkten Kontakt nur noch 30 Prozent die Höchststufe erreichten.

Bei dem Experiment ging es darum, die Obrigkeitshörigkeit der Deutschen während der Verbrechen des Nationalsozialismus zu erforschen.

Am 30.06.2017 wird das Netzdurchsetzungsgesetz vom Bundestag fast „heimlich“ genehmigt, kein Anschlag auf das grundgesetzlich verbürgte Recht auf Meinungsfreiheit?

Das ganze Leben birgt Satire 
Obrigkeitshörigkeit und Netzwerkdurchsuchungsgesetz: Was könnte das Eine mit dem Anderen zu tun haben?

Satire: Orwell?

2017 ist Meinungsfreiheit eine Ware, kein Recht des Einzelnen. Den Wert bestimmen jetzt die Autoritätspersonen in Regierungskreisen, die das alles richtig wissen. Nur 50 Millionen Euro, mehr ist Meinungsfreiheit nicht wert? Wer treibt die Strafen ein? Und wer sie nicht zahlen kann, dem droht Knast, was denn sonst? Existenzverlust durch eine falsche Meinung?

Verräter und Zensurwächter, ihr seid in Zukunft gemocht. Ich lade Euch zu meinen Partys ein, so wie früher, erinnert ihr Euch noch. Die Opfer der autoritätshörigen Masse interessieren uns nicht, so viel kann man gar nicht trinken, um zu vergessen, doch: Wir schaffen das!

So ähnlich wie die Friedensnobelpreisträger, die dem Frieden zum Trotz unentwirrbare Kriege anzetteln. Klar doch. Noch ein paar Klare?

Dann melden wir einen Volkshochschulkurs an und nennen ihn? Ich habs: Schuldmorphose. Dann erklären wir, warum Hate Speech, Fake News und so zu einer zwingenden Einschränkung der Meinungsfreiheit führen müssen ohne das Wort Diktatur zu erwähnen, Diktatur sind nämlich in Zukunft die, die uns ihre nicht erwünschte Meinung aufzwingen wollen, so in den Netzwerken und so. Nur, was der undiktatorische freiheitsliebende Mainstream bringt ist wahr, was denn sonst. Zweifel und Kritik nicht erwünscht. Andere Quellen? Versiegt, gelöscht, zugeschaufelt mit neuen Paragraphen.

Natürlich die Anderen sind die Sündenböcke. Die aussprechen, wenn was schief läuft.

Wir hinterfragen uns nicht, nein, das könnte uns nicht passieren!
Haben wir mal für Alternativen geschwärmt? Niemals!
Waren wir es, die ein wenig quer zu denken glaubten, nicht doch!
Wir haben es auch nicht verlernt, wir haben nur vergessen, daß wir es mal wussten!
Wir wollen gar keiner Republik des betreuten Denkens entkommen oder der Inquisition. Nein, beim Saufen erfinden wir alles nochmal neu. Der Mensch will betrogen werden. Und wir betrügen uns nur ein ganz klein bisschen selbst. Noch einen Doppelten? Erich Mielke hat seinen Kühlschrank prokrastiniert, mehr nicht. Wir haben ihn nur gefunden. Den Inhalt, ein bisschen vergammelt, malen wir neu an! Fressen müssen ihn eh die Anderen.

Niemand hat hier Angst um seinen Arbeitsplatz, ob der Redakteur den Artikel auch druckt und den nächsten? Es gibt ja nur eine Einheitsmeinung. Wir gehen auf Nummer Sicher. LOL. Los noch einen drauf! Im Osten haben sie auch gesoffen, der Pförtner, der Angestellte, am Fließband der Arbeiter, der mit dem Fluchtversuch und der Ohne. Tun wirs wieder! Auch zum Nachteil unserer persönlichen Sicherheit? Nein, wir doch nicht, wir sind auf der sicheren Seite. Die Autorität steht hinter uns.

Nur weil Du paranoid bist, heißt das ja noch lange nicht: Du weißt schon, daß Du nicht verfolgt wirst! Tequila? Da liegt der Schatz. Zeugen nicht erwünscht. Notwehr ist jetzt Angriff. Wir machen das! Wir machen einen Angriff draus, wir drehen und verschwurbeln alles, was das Zeug hält. Die, sorry wir, kriegen das Internet nicht in Griff, doch, das machen wir jetzt! In Zukunft darf auch ein Mann sich um ganz viele Frauen kümmern und umgekehrt, dann heiraten, ist doch klar! Argumente sind soooo deeeehnbar, wir ziehen mit!

Ihr und Wir, die andere Menschen mental, körperlich, unhöflich angreifen, wir werden besser sein, als damals die DDR Diktatur. Seid ihr die, die über die Stasi Opfer milde lächeln, frei nach dem Motto: Das wäre uns nicht passiert? Komm, wir saufen noch einen. Wir werden jetzt beste Freunde. Unser bester Feind. Wir passen genau auf und wer nicht gleich mitmarschiert, na? Ihr wisst schon, Bautzen, Hohenschönhausen und so. Es gibt auch genug psychatrische Einrichtungen.

Könnt ihr Euch noch im Spiegel ansehen? Ja, na klar, jetzt erst recht! Wenn ihr Hetzjagden macht auf TEXTE oder Sprüche?

Ja, sowieso! Ihr und wir seid besser als die:

ich habs erlebt, hört: und ich bin eine, die Glück hatte. Wirklich. Ich habs in den Westen geschafft, ohne Jugendknast und Jugendwerkhof, ohne dass mir jemand Kinder wegnehmen konnte, weil ich nicht gepasst habe, nicht angepasst genug war.

Ich war nicht in Bautzen oder in einem anderen Knast, ich habe kein radioaktives Fressen gegessen, wie Jürgen Fuchs, der elendig starb, getötet von den Schergen der Diktatur. Seine Wessi Künstlerkollegen haben damals noch ungläubig gelacht: Radioaktiv verseucht? So ein Quatsch! Ihr und jetzt ja wir sind besser als die. Worum hat sich eigentlich Frau hm verdient gemacht in der ehemaligen SED Diktatur? Und eins weiß ich, das haben wir als Punks schon gesungen: Ihr habt Angst!

Damit meine ich nicht Euch, nein, uns: wir sitzen doch alle im selben Boot. Nur wer rudert und wer gibt die Befehle? Ach und Sippenhaft, ganz vergessen, schon gehört? Das lassen wir wieder aufleben! Also wenn Dein Sohn oder Deine Tochter, Deine Tante oder Dein Onkel was Falsches sagen, bist Du mit dran! Noch ein Tequila? Klaro.

Und, bevor ichs vergesse, lasst uns die Grundlagen zerstören, auf denen wir jetzt bekämpfen können: Das, was mühselig aufgebaut wurde in täglicher Arbeit. Juchhu! Machen wir kaputt, was uns kaputt macht, Zensur! Zensur! Juchhu!

Was ist mit Deiner Freundin, die sich umgebracht hat? Weil ihr im Jungendwerkhof das Rückgrat gebrochen wurde. So hat sie es doch ausgedrückt? Ging die nicht in dieselbe Schule wie Du? Oder? Und da hast Du doch auch geweint!

Die hat ne falsche Meinung gehabt, nen falschen Satz gesagt. Auf die scheißen wir! Tassen hoch! Meinungsdiktatur, jawoll!

Oh Scheiße, musst Du kotzen? Kein Problem, ich auch gleich, bis morgen, packen wir es an!

Ach übrigens: Ich habe Glück gehabt, weil viele Andere vor mir ihre Jobs verloren, sich umgebracht haben, weil sie nicht mehr weiter wussten in dieser Diktatur. Weil viele andere freie Menschen sich vor mir wagten, ihre Meinung zu sagen, die keiner hören wollte, nur die angeblich so Aufgeklärten da drüben im weich gepufferten goldenen Westen. Hörst Du mir noch zu? Ich bin voll dicht, voll besoffen! Ja die im Westen, hatten die jemals die Demokratie verinnerlicht? Auf Nordkorea rumgehackt? Und heute auf Erdogans? Wegen den Inhaftierten? Freiluftgefängnis haben die zur DDR gesagt und jetzt Freiluftgefängnis Bundesrepublik Deutschland. Das ist Peanuts oder Pienatz? Wirst Du sehen! Auf die Idioten saufen wir jetzt noch einen! Kannst Du noch?

In der ehemaligen DDR gab es auch plötzlich keine Suizide mehr.
Lass uns noch einen, nein, lass uns kotzen, gemeinsam!
Hast Du jetzt Angst vor mir?
Nein, wir sind doch einer Meinung.
Aber in Zukunft wird jeder Angst haben müssen, vor Jedermann! Vor dem Nachbarn, dem netten Arbeitskollegen, der Verkäuferin, dem Postangestellten…
Was ist mit der Verfassung?

Nun mal im Ernst: Verfassungswidrigkeit? Ein Einzelner hat keine Befugnis eine Normenkontrollanklage beim Verfassungsgericht zu erheben, solange er nicht in seinen Rechten verletzt ist. Recht auf Meinungsfreiheit? Abgeschafft! Beziehungsweise schön reingegrätscht! Netzwerkdurchsuchung stillgestanden! Aber stramm! Klagen? Abstrakt dürfen das 25% der Abgeordneten tun oder die Verfassungsorgane. Dafür wird sich keine Institution bereit finden. Oder der Bundespräsident, wenn der nicht unterschreibt?
Was erzählst Du da? Der BP, der unterschreibt, haben die schon drauf angestoßen! Hate spech und so, nix kapiert?

Doch, doch, doch!
Niemand wird klagen, niemand! Weil ihm niemand Recht geben wird! Hatten wir doch schon mal! Hat doch auch funktioniert! Karlsruhe muss noch. Wird schon. Macht und Geld und wir ein bisschen davon ab.

Was ist der Unterschied zwischen einem Zensurwächter und einem Pitbull?
Der Pitbull lässt irgendwann los.
Übrigens bin ich Autorin und Künstlerin.

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Stasi Akte 4

Nun war ich ausgereist aus dem Osten, der ehemaligen DDR. Es bedarf zweier Ausreiseanträge und wieder angekommen. Hier. Heute ist der 30.06.2017. Einmal ne Runde gedreht! Abschied von der Demokratie, geboren am 23. Mai 1949 und beerdigt am 30.06.2017. Sie hat den Deutschen Wohlstand gebracht, es waren schöne Jahre. Nicht alle von Ihnen durfte ich miterleben.

Lebenslauf : GEDANKENBRÜCKEN-BERLIN

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(c) Text: Andrea Berwing

Roman der Autorin: Andrea Berwing,  „Die Wahrheit ist anders“ – C.M.Brendle Verlag