(Michael van Laack) Mit Bertolt Brecht, dem vor fast 120 Jahren in Augsburg Geborenen, hat mich bislang nichts verbunden. Oder richtiger: Bisher habe ich mich mit ihm nicht intensiv genug auseinandergesetzt, um Verbindendes oder Trennendes benennen zu können.

Es wird knapp sechs Wochen zurückliegen, als ich durch Zufall auf ein Brecht-Zitat stieß. Nein, nicht auf dieses von Deutsch- und Geschichtslehrern bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit düsterer, beinahe mephistohaft flüsternder Stimme den Schülern als Mahnwort einprägte: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

Nein, nicht auf dieses Wort, dass ebenso wahr wie falsch ist. Wahr, weil es sich nicht verleugnen lässt, dass die Schergen eines auf etwas mehr als zwölf Jahre verkürzten tausendjährigen Reiches eine blutige Spur durch Europa zogen, die am Ende beinahe das eigene Land in Blut ersaufen und in Schutt ersticken ließ.

– Und falsch, weil der Tod schon Meister war, bevor es unser Land, bevor es das Römische Reich Deutscher Nation, bevor es überhaupt etwas gab, auf dass sich unsere heutige Nation historisch zurückführen ließe.

Doch lassen wir dieses Wort in der „Hall of fame“ der Double Platinum-Zitate ruhen und wenden uns jenem Satz zu, der mich vor einigen Wochen neugierig machte auf den Schöpfer der Mutter Courage und ihrer Kinder, den Erbauer der zu Fall kommenden Stadt Mahagony, den Biographen der heiligen Johanna der Schlachthöfe.

„Wenn die Wahrheit zu schwach ist, sich zu verteidigen, muss sie zum Angriff übergehen.“

Dieses Wort fand ich im Kulturteil einer Tageszeitung in einem Beitrag über Galileo Galilei. Brecht lässt dieses Wort seinen Protagonisten im „Leben des Galilei“ sprechen.

Wer kennt ihn nicht, diesen Philosophen, Mathematiker, Ingenieur, Physiker und Astronom, kurz: diesen Universalgelehrten des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts, dem die römisch-katholische Kirche es – gelinde gesagt – sehr übel nahm, dass er nachwies, die Erde sei nicht der Mittelpunkt des Universums und kreise noch dazu abhängig in einem System und um die Sonne.

„Wenn die Wahrheit zu schwach ist, sich zu verteidigen, muss sie zum Angriff übergehen.“ Da saß ich nun verdutzt, gar irritiert in meinem Lesesessel. Bisher hatte ich mich, sowohl in religiösen als auch in politischen Fragen stets darauf beschränkt, zu verteidigen; mein Gegenüber zu überzeugen von dem, was ich für richtig und notwendig hielt.

Und ja, ich hatte schon realisiert, dass in den letzten Jahren kaum mehr ein Durchdringen möglich war, hatte auch registriert, dass Staat und Kirche mir immer mehr von dem nahmen, was ich als Wahrheit erkannt hatte. Nicht von einer Wahrheit, die man mich einfach nur gelehrt hatte und die ich unreflektiert übernommen hätte, sondern von einer Wahrheit, die ich an mir selbst erfahren hatte oder durch Hunderte Beispiel belegen konnte. Diese Wahrheit war mir Stück für Stück genommen worden. Getan dagegen hatte ich nichts… Und so „wurde mein „Ja, aber“ immer leiser und kraftloser, Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr.

Zum Angriff übergehen, auch wenn man schwächer als der Gegner scheint? Ist das realistisch? Macht das Sinn? Was wollen wir, was will ich erreichen? Für unsere Familien, für die Menschen, die uns umgeben, für unser Land?

„Natürlich nur das Beste!“, höre ich mich sagen! „Dann Ändere die Welt; sie braucht es.“ singt mir Bertolt Brecht aus einem Lied seines Lehrstücks „Die Maßnahme“ vor.
Die Welt ändern, Bertolt? Als wenn das so einfach wäre. Eben mal kurz als Schwacher angreifen und die Wahrheit verteidigen oder wie meinst Du das?

Das Wort ist mächtig, höre ich Brecht antworten, mächtiger als jedes Schwert. Deshalb liegt es der herrschenden Klasse auch immer besonders am Herzen, diejenigen zum Schweigen zu bringen, die das Wort als Schwert zu führen fähig sind.

Bedenke:

„Der Schreibende soll sich nicht den Mächtigen beugen, er soll die Schwachen nicht betrügen. Natürlich ist es sehr schwer, sich den Mächtigen nicht zu beugen und sehr vorteilhaft, die Schwachen zu betrügen.“

Du willst etwas tun für Dein Land, Deine Familie für Dich? Dann fürchte Dich nicht, als jemand, der zu schwach ist, seine Werte zu verteidigen, mit ihnen als Schwert in Deiner Hand anzugreifen.

Denn verharrst Du dort, wo Du stehst und verteidigst nur mühsam weiter, wirst Du sicher untergehen und Deine Wahrheit, Deine Werte, gehen mit Dir unter!
Greifst Du an, mag es auch möglich sein, dass Du untergehst; aber nur so hast Du auch die Chance, zu siegen! Doch merke, mein schüchterner Freund:

„Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden. Er muss den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird; die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt wird; die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe; das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird; die List, sie unter diesen zu verbreiten.“ (Bertolt Brecht: Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit)

Doch hüte Dich mein Freund, es ist nicht leicht, die Wahrheit zu finden. Und hüte Dich davor, nur mit Plattitüden um Dich zu werfen, wenn du das politische System kritisiert, dass Dich umgibt, die Parteien, die Kirche was auch immer, denn:

„Der leichtfertige Mensch, der die Wahrheit nicht weiß, drückt sich allgemein, hoch und ungenau aus. Er faselt von „den“ Deutschen, er jammert über „das“ Böse, und der Hörer weiß im besten Fall nicht was tun. Soll er beschließen, kein Deutscher zu sein? Wird die Hölle verschwinden, wenn er gut ist? Auch das Gerede von der Barbarei, die von der Barbarei kommt, ist von dieser Art. Danach kommt die Barbarei von der Barbarei und hört auf durch die Gesittung, die von der Bildung kommt. Das ist alles ganz allgemein ausgedrückt, nicht der Folgerungen für das Handeln wegen und im Grunde niemandem gesagt.“ (ebd.)

Und wage auch Listen, um die Wahrheit zu verteidigen, flüstert Brecht mir ins Ohr.

„Nein, die Lüge darf niemals eine Waffe sein, um der Wahrheit zum Recht zu verhelfen.“ protestiere ich aus meinem Lesesessel.

So meine ich das auch nicht. Ich will Dir ein Beispiel geben:

„Jonathan Swift schlug in einer Broschüre vor, man sollte, damit das Land zu Wohlstand gelange, die Kinder der Armen einpökeln und als Fleisch verkaufen. Er stellte genaue Berechnungen auf, die bewiesen, dass man viel einsparen kann, wenn man vor nichts zurückschreckt.
Swift stellte sich dumm. Er verteidigte eine bestimmte, ihm verhasste Denkungsart mit vielem Feuer und vieler Gründlichkeit in einer Frage, wo ihre ganze Gemeinheit jedermann erkennbar zu Tage trat. Jedermann konnte klüger sein als Swift oder wenigstens humaner, besonders der, welcher bisher gewisse Anschauungen nicht auf die Folgerungen untersucht hatte, die sich aus ihnen ergaben.“ (ebd.)

Du meinst aber nicht den Kampf gegen die ‚Schwarze Null‘, die ‚Ehe für alle‘, die Asylpolitik, die entchristlichte CDU oder die sich selbst entmächtigenden Kirchen, Bertholt?

Schweigen! Bertolt Brecht ruht wieder in den Zeilen seiner Werke, die überall verteilt neben mir auf dem Fußboden liegen.

Mir aber ist nun klar: Wollen wir als Deutsche unser Land bewahren, wollen wir unsere Demokratie, unsere christliche Kultur erhalten sehen, so müssen wir angreifen. Mit dem Schwert des Wortes. Jeder dort, wo er es vermag und so gut er es vermag,

denn:

Es setzen sich nur so viel Wahrheiten durch, als wir durchsetzen; der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein“. (Leben des Galilei 8)

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Jahrgang 1965 – Wohnsitze in Bayern und NRW - Deutscher und US-amerikanischer Staatsbürger – Zunächst Berufsausbildung zum Industriekaufmann/Wirtschaftsassistent – Danach Diplomstudiengänge (Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften) u.a. in Bochum und Passau. – Einige Jahre Erzieher in privaten Internaten (u.a. Schloss Neubeuern und St. Ottilien) – In kirchlichen und politischen Milieus je nach Betrachtungsweise mehr oder weniger gut vernetzt – Aktuell im politischen Betrieb als „Ghost“ Reden- und Vortragsschreiber sowie Mitautor und Korrektor. Zudem strategischer und konzeptioneller Berater bei diversen Wahlkampagnen außerhalb Deutschlands. Bis zu meinem Engagement für den Blog eher öffentlichkeitscheu. Das bin ich in gewisser Weise auch heute noch. Persönliche Kontakte pflege ich am liebsten nur beruflich oder in der Familie. Aktuelle Fotos von mir oder Fotos im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Projekt vermeide ich, so gut es geht. Ein guter Freund nannte mich einmal einen Semi-Soziopathen. Auch wenn das ein hartes Wort ist: es beschreibt keine psychische Erkrankung, wie man vermuten dürfte und trifft deshalb sehr gut! Zwar bin ich prinzipiell sehr empathisch, doch schätze ich nicht die Nähe von Hinz und Kunz, lasse also ungern Menschen an mich heran. Ich spiele gern und hin und wieder auch erfolgreich mit Sprache, schotte meine Familie so weit es geht von der Öffentlichkeit ab und mache auch immer wieder mal – so auch hier - ein Geheimnis aus meinem vollständigen Lebenslauf. Diese Geheimniskrämerei hat schon manchen dazu verleitet, Legenden über mich zu verbreiten. Aber das ist OK. Ich habe ein sehr dickes Fell und Desinformation ist ja auch ein gern genommenes Tool im politischen Betrieb.