Gastbeitrag von Max Erdinger (JOUWATCH)

Nordrhein-Westfalen hat gewählt, Rot-grün ist weg, Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann sind zurückgetreten. Im Fernsehen gab es das übliche Polit-Entertainment. Löhrmann meinte, die Grünen hätten auch eigene Fehler zu verantworten. Natürlich, welche sonst?

Es ist nicht uninteressant, zu beobachten, wie die Sachverhalte rhetorisch verdreht werden, welche Euphemismen verwendet werden und wie am Ende doch alle irgendwie gewonnen haben.

Na gut, Martin Schulz klang nicht so zufrieden. Zwar hatte er mit der Landtagswahl nicht direkt etwas zu tun, weil er Bundeskanzler werden will, aber er meinte, daß man in der SPD jetzt viel nachdenken müsse. Und daß man in den Bundestagswahlkampf einsteigen muß, weil im September schließlich Bundestagswahl sei. Ein bitterer Tag sei das gewesen heute für die SPD, aber die Wahlbeteiligung sei gestiegen und das zeige, daß „die Menschen“ gemerkt hätten, wie sehr es sich lohne, mitzumachen.

Schulz ist schon brillant. Es blieb Schulzs Geheimnis in der Brillanz, inwiefern ihm mehr mitmachende Menschen im September nützlich werden könnten. Wahrscheinlich deswegen müssen jetzt bei der SPD alle nachdenken und nachdenken und nachdenken. Schulz wird es ihnen nämlich nicht verraten.

Hannelore Kraft trat routiniert zurück und machte keinen besonders nachdenklichen Eindruck dabei. Man merkte ihr an, daß ihr die heutige Niederlage schon lange klar gewesen sein muß. Sie wirkte bestens vorbereitet.

Welchen Grund für ihre Niederlage sie nennen würde, hatte sie bereits entschieden: Ein Kommunikationsproblem sollte es sein. Rotgrün habe Nordrhein-Westfalen in den vergangenen sieben Jahren „nach vorne“ gebracht. Allein, es sei den Wählern nicht zu vermitteln gewesen, daß das so ist. Dumm gelaufen. Im Gegensatz zu Schulz in Berlin, der richtig geknickt wirkte, verströmte Kraft Optimismus. Sie mache den Weg nun frei für einen Neuanfang. Friede-Freude-Eierkuchen: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Einen schöneren Rücktritt gab es noch nie. Sie hätte das Vertrauen der Wähler nicht mehr gewinnen können, sagte Kraft lächelnd. Davon, daß sie gewaltig viel davon verloren hat, kein Wort. Es hat halt nicht gereicht.

So geht sie, mit sich und ihren besten Absichten im Reinen – und läßt Nordrhein-Westfalen einfach „vorne“ zurück. Vorne ist da, wo das Chaos herrscht. Das darf Laschet jetzt aufräumen.

Der wiederum, nunmehr Ministerpräsident in spe, freute sich ein Loch in den Bauch. Er strahlte und reckte die geballten Fäuste in die Luft. Gestern ist sein großer Tag gewesen.

Was die SPD verlor, das gewann die CDU. Wer sich an Laschets Wahlkampf erinnert, der fragt sich, ob es die Möglichkeit ist. Letzte Woche noch polterte Laschet, Innere Sicherheit, Kriminalitätsbekämpfung und Abschiebung krimineller Asylantragssteller samt Law & Order auf sämtlichen Gebieten seien schon immer die Linie der CDU gewesen. Er verstehe gar nicht, wie man ihm vorwerfen kann, er würde AfD-Positionen vertreten. Die AfD hätte schließlich keine Antworten, er hingegen schon.

Das war letzte Woche. Letzte Woche schüttelte der Wähler noch ratlos den Kopf und fragte sich, warum Laschet von der CDU-Chefin und Bundeskanzlerin für seine markigen Sprüche noch nicht eigenhändig geköpft worden ist. Heute lüftete Laschet das Geheimnis seines Erfolgs. Die Bundeskanzlerin als Hauptverantwortliche für alle jene Zustände, die völlig quer zu dem liegen, was nach Laschet schon immer Linie der CDU – und ganz besponders die seine gewesen sein soll – hatte ihn mit einer Vielzahl von Wahlkampfauftritten in NRW unterstützt. Das verstehe, wer will.

Der einzige Reim, den man sich darauf wohl machen kann, ist der, daß man in der CDU zwar weiß, was schief läuft, daß man es aber nicht ändern will, weil, wie Martin Schulz scharfsinnig anmerkte, im Herbst Bundestagswahl ist.

Da geht es nicht um Realität und Politik, sondern darum, daß Merkel Bundeskanzlerin bleibt. Laschets markige Sprüche waren nur gut bis zum Wahltag in NRW. Ab morgen sind die Sprüche gut, die Merkel zur Wiederwahl verhelfen.

Laschet ist Politiker. Als solcher lebt er für – und von Wahltermin zu Wahltermin. Wahrheit ist, was der Partei nützt. Damit wären dann Laschet und Merkel wieder ein Paar.

Es lebt sich anscheinend komfortabel in dem Bewußtsein, daß man so miserable Arbeit abliefern kann, wie man will, weil die Alternativen den Wähler noch viel mehr abschrecken als man selbst. Mit Ausnahme der AfD natürlich. Aber die ist weit davon entfernt, einen Kanzlerkandidaten mit Erfolgsaussichten zu stellen. Merkel und Laschet existieren, weil Rot-grün der Horror wäre und weil das wenigstens sogar diejenigen begriffen haben, die CDU statt AfD wählen.

Die AfD ist einstellig geblieben. 7,7 Prozent sind ein mäßig erfreuliches Ergebnis. Immerhin ist die AfD damit im Landtag.

Und an der Stelle kommt die FDP ins Spiel. Satte zwölf Prozent für die Liberalen. Es gab Zeiten, in denen sie weit hinter der AfD gelegen haben. Da stellen sich zwei interessante Fragen. Hat die AfD nur deswegen so mäßig abgeschnitten, weil alle, die zwar den wirtschaftsliberalen Kurs der AfD gut finden, die FDP gewählt haben? Wegen der Nationalkonservativen in der AfD, die sie keinesfalls wollten? Oder sind die 7,7 Prozent für die AfD das Ergebnis des Umstandes, daß Nationalkonservate in der West-AfD einen schwereren Stand haben als in den östlichen Bundesländern? Das wird sicher ein heißes Tema für die AfD bleiben.

Christian Lindner, der 38-jährige Hoffnungsträger der Liberalen, begründete den Wahlerfolg seiner Partei damit, daß sich „die Menschen“ die FDP auch im Bund zurück ersehnten. Warum, wieso, weshalb? Die FDP ist so windelweich wie eh und je.

Und Lindner ist so sehr Politiker, wie Laschet auch. Der Liberale hatte sich nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin letztes Jahr in James-Bond-Pose ablichten lassen und die Fotos dann in Umlauf gebracht. Zitieren ließ er sich auf diesen Bildern ebenfalls. Jeder, der den Anschlag politisch instrumentalisieren wolle, habe einen verachtungswürdigen Charakter, so Christian „James Bond“ Lindner damals.

Damit hätte er eigentlich unten durch sein müssen. Wer seine Wähler für so zurückgeblieben hält, daß sie nicht merken, wer Instrumentalisierungsversuche der Anderen für sich selbst instrumentalisiert, der muß sie zwangsläufig verachten. Ansonsten würde er ja nicht versuchen, sie für blöd zu verkaufen. Daß Lindner heute jubeln kann, zeigt, wie lange das Langzeitgedächtnis des Wählers zurückreicht. Nicht sehr lange.

Die Grünen mitsamt ihrer Spitzenkandidatin und stellvertretenden Ministerpräsidentin sind gründlich baden gegangen. Leider nicht gründlich genug. Mit sechs Prozent sitzen sie immer noch im Landtag.

Sylvia Löhrmann trat zurück – und auch sie wirkte, als sei sie alles andere als überrascht.

Rot-grün ist also weg in NRW. Damit dürfte auch die vollkommen bescheuerte Idee aus der Welt sein, auf nordrhein-westfälischen Autobahnen Fake-Baustellen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit einzurichten. Nicht, daß Baustellen das wichtigste wären, nur:

Diese Idee stand eindrücklich für den grundsätzlichen Wahnsinn im Kopf von Rot-Grün. Das ist die gute Nachricht des gestrigen Tages: Sie sind weg. Getrübt wird sie aber dadurch, daß Merkel für die Bundestagswahl weiter gestärkt worden ist. Es ist zum Haare ausraufen! Gänzlich unprosaisch ausgedrückt: Es hat sich wieder einmal bewahrheitet, was viele Nichtwähler seit Jahren behaupten:

Man kann sich bei Wahlen zwischen Haufen und Häufchen entscheiden – und mit etwas „Glück“ gewinnt dann das Häufchen. Wer heute in NRW das kleinere Häufchen gewählt hat, bekommt im September den richtig dicken Haufen dennoch geliefert.

Obwohl Jeder gern weniger hätte von dem, was er wählt. Die Nichtwähler weigern sich eben, Haufen irgendeiner Größe zu wählen. Sie wählen grundsätzlich keine Haufen.

Dieses Land hat ein grundsätzliches Problem, an welchem der Ausgang der Wahl in NRW nicht das geringste ändert: Die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht und es gibt keine Aussicht auf ein Mittel dagegen.

Es ist ein nicht zu beschreibender Jammer, daß man angesichts der drohenden Alternativen schon „froh“ sein muß, wenn Merkel Kanzlerin bleibt. Danach sieht es spätestens seit dem heutigen Wahlergebnis aus. Was bleibt, ist die Hoffnung.

Die wiederum sieht so aus:

Merkel wird im Herbst Kanzlerin, rettet für die CDU noch die Bundestagswahl – und wird dann parteiintern dolchstoßmäßig gemeuchelt, weil sich endlich alle diejenigen in der CDU gegen sie auflehnen, die sich selbst ihr politisches Weiterleben über den Termin der Bundestagswahl im September hinaus sichern wollten, Merkel dann als Vehikel zur Sicherung ihrer Pfründe für längere Zeit nicht mehr brauchen und die Palastrevolte starten. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

***

Der Beitrag erschien zuerst bei JOUWATCH

15 Kommentare

  1. Im Rücktritt wurde mir selbst die grüne Lohrmann noch sympathisch.

    Leider war während der Regierungszeit das GEGENTEIL der Fall angesichts einer katastrophalen Regierung, die an KEINER Stelle die notwendige Einsicht und Umkehr zeigte. Lieber weiter so in den Abgrund – DER ist dann gestern auch gelungen.

    Neben den vielen negativen Aspekten für die Menschen in NRW.

  2. Na ja, die grossen Führer spielen mit dem Volk/ eigentlich all den Menschen in D. „russisch Roulette“ und jeder denkt nur, ach mich wird es schon nicht treffen ODER treffen kann es mich überall! Also weitermachen wie bisher! Aber wenn der Bürger, der gerne freiwillig arbeiten geht, stundenlang im Stau steht und das Bildungssystem inzwischen nur noch eine Attrappe ist und statt in den Urlaub man nun auf d. Allerwertesten bleibt oder alle nur noch sich Spanien leisten können (weil der Rest eben Terrorländer sind) und man nicht mehr 1 oder 2 mal im Jahr Schralafenland machen kann, sondern auf D. kucken muss DANN
    JA DANN ist so langsam, aber nur gaanz langsam Schicht im Schacht! Denn Mut findet man hier nicht, auch wenn man Vaggie gewählt hat aber doch Vaggie seltsam findet!

  3. Immer schön auf Nummer Sicher gehen, das ist die Kernaussage der Wahl. Auf der Suche nach Veränderung wird aller Mut zusammen gekratzt und…. FDP gewählt! Was es heißt, im Zeitalter der Automation Turbo-Kapitalisten erstarken zu lassen werden viele erst später merken. Aber zugegeben: es IST schwer, zwischen Pest, Cholera und Alternativlos.

  4. Am „besten“ war wieder die Aussage der Verlierer, dass man doch alles richtig gemacht hätte, nur der „doofe“ Wähler würde es einfach partou nicht kapieren…….

    • Das ist eben Autoritär und Undemokratisch, was „die roten“ ja schon immer waren! Wir die klugen – ihr das dumme Volk! Wir Marx predigen – ihr Marx lernen!

  5. Ich weiß mit dem nicht, ob ich mich freuen soll, dass der Millionär aufgesetztem Grinsen verloren hat. Eine Worthülse ersten Grades.
    Hoffnung ade!
    Erst wenn der letzte Afrikaner nach Deutschland geholt wurde,
    erst wenn alle Frauen Kopftuch tragen… dann werdet ihr merkeln, was die Raute uns angetan hat.

  6. Lieber Herr Berger,
    ihre Hoffnung könnte trügerisch sein. Es gibt nicht nur eine Merkel. Laschet ist auch Merkel.
    Und leider die wahrscheinliche Mehrheit des Volkes auch. Hat nicht jedes Volk die Regierung, die es verdient. Einer der perversesten Auftritte des Wahlkampfes war die Rede von Merkel zum Desaster auf der Kölner Domplatte. Die Berichterstattung wurde von ihr inbrünstig als Übel identifiziert, nicht die Täter und die, die sie gerufen hatten. So viel dreiste Blödheit läßt verstummen und verschreckt, ja macht Angst, Angst selbst verrückt zu werden. Da schalten viele sicherheitshalber ab und wenden sich ihrem Alltag zu.

  7. Was auffällt, ist die verbohrte Uneinsichtigkeit, mit der vor allem Kraft und Löhrmann ihr Debakel verdrängen wollen.

    Da schwafelt diese abstoßende GRÜN-Jakobinerin Löhrmann, die Schul-Kaputtmacherin, was vom Menschenrecht der Behinderten auf Inklusion, als ob es nicht das Recht auch der Nichtbehinderten gäbe, in einer intakten Schule das Nötige fürs Leben lernen zu können, zu dürfen.

    Da schwafelt die -immer überschätzte- dümmliche Hausfrau Kraft was, es sei kein Grund gewesen, den Jäger zu entlassen, und wundert sich dann, daß die Wähler ihre großen Leistungen für das Land nicht erkannt hätten.

    Diese Leute sind weit weg von der Lebenswirklichkeit, wie sie das Volk erlebt, sieht und „fühlt“. Letzteres laut einem Autor wichtiger als die statistischen Daten.

    Man kann natürlich ewig lange in einer Mangellage leben, siehe DDR und Kuba weit unter NRW-Niveau. Insofern ist das polit-debile deutsche Volk noch sehr weit von einem echten, zur Wende zwingenden Leidensdruck entfernt.

    Das Land ist noch -siehe Augenschein des Alltagslebens- bis auf einige Mängel weitgehend intakt (siehe unsere Arztpraxen und die Einkommenslage von 90%, das Armuts- und Gerechtigkeitsgetue von SPD und PDS sind lebensflüchtige Blöd-Propaganda usw.), und die feigen Dumpf-Bürger gehen an den täglichen Gewalttaten mitleidlos vorbei und denken: „Mich wird es schon nicht erwischen!!“

  8. Info68 sagt:
    14. Mai 2017 um 22:42

    Ob es einem gefällt oder nicht, die 5 großen Vernichtungsparteien und die FDP sind stark verwurzelt im Volk, man sehe nur mal die Massen heute Abend an ihren Wahlabenden mit zumeist normal, lebensnah, genug auch angenehm wirkenden deutschen Menschen.

    Selbst wenn die AfD auf 20-40% käme, müßte sie erstmal genug fähiges Personal, das sich zur Zeit bei den anderen Parteien rumtreibt, rekrutieren bzw. anlernen, ausbilden, denn Politik zu machen professionell, dazu genügen keine selbstzufriedenen Tiraden im Internet, auch nicht kluge Beiträge dort.

    Die Nationalverrats-Parteien haben 90% der Wähler bekommen, bei 66% Wahlbeteiligung haben sie damit etwa 60% der Wahlberechtigten, also eine klare Mehrheit im Volke, hinter sich, auch ohne die Nichtwähler, die wiederum heute ihre Dummheit und Asozialität gezeigt haben.

    Wer jetzt wieder was rumtönt von Nicht-Demokratie, gestellten Schaukämpfen und Betrug, ist ein sektierischer, politisch inkompetenter, erkenntnis-gestörter Realitätsverweigerer, wovon sich hier im blog, angeblich AfD-nah, viele rumtreiben.

    Mit diesen Leuten ist gewiß draußen beim Volk, das -wie heute die Analysen zeigen- die Sorgen um ganz einfache Lebensdinge umtreibt, kein Blumentopf zu gewinnen. Patriotische Themen zu Überfremdung und Geschichtslügen waren unter „ferner liefen“.

    https://juergenelsaesser.wordpress.com/2017/05/14/elsaessers-videokommentar-wahlen-im-nafri-kalifat-nrw/#comments

    Info68 sagt: 14. Mai 2017 um 22:44

    PS. Und Pretzell hatte heute ein gutes Auftreten, Petry und Weidel auch!!

    Man vergleiche diese bürgerlich positiven Figuren mal mit den meisten NPD-Figuren früher an Wahlabenden, dann versteht man die Mißerfolge der NPD besser.

  9. Fazit zum Wahlausgang in NRW: die Pest ist endlich gegangen, die Cholera wieder zurück. Als wenn sich dadurch auch nur im Geringsten etwas im positiven Sinne für die Bürger ändern würde. Nach der BW 2017 wird Merkel mächtig weitermurkseln. Das Volk will es so und wird deshalb auch genau das bekommen, was es verdient. Keine guten Aussichten für die Zukunft dieses Landes.
    Ein Trostpreis ist, dass den Linken die Abfuhr, den Grünen und Sozis eine ordentliche Klatsche zuteil wurde.
    Wie allerdings der FDP-Seifenbläser Lindner an 12% der Wähler kam, wird jedem nur etwas nachdenklichen Arbeitnehmer ein ewiges Rätsel bleiben.

  10. eben keine veröffentlichung der für ungültig erklärten wahlstimmen, so lässts sich s
    demokratisch manipulieren.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here