Die jüngsten medizinischen Leitlinien zum Umgang mit Transsexuellen umgehen Transsexuelle und sie sind ein eindrucksvolles Zeitzeugnis dafür, dass abwegige Thesen aus dem 19. und 20. Jahrhundert noch immer fröhlich Urständ feiern. In einer Art „Damnatio Memoriae“ entledigen sich deren Verfasser der Existenz Transsexueller, weil sie die Gender- und Queerideologie erheblich verstören.  Ein Gastbeitrag von Trischa Dorner

Diese Leitlinien gehen sogar noch einen Schritt weiter, sie implizieren eine Art Konversionstherapie für die nicht explizit benannten Transsexuellen. Diese sollen mit „ihrem“ Geschlecht versöhnt und auch mit einem homosexuellen Lebensentwurf vertraut gemacht werden. Transsexuelle NGOs laufen gegen diese neuerlichen „Leidlinien“ sturm.

Die transsexuelle Geschichte, die im Schatten der Geschichte der Homosexuellen steht ist spannend, wie ein Roman, weil diese von einer Art gewaltsame Kolonialisierung einer Minderheit durch eine andere handelt. Und die Waffen sind Definitionen. Behandlungsleitlinien sind Ausdruck von Definitionsmacht. Betroffene bleiben durch diese in einem Alptraum gefangen, weil diese Leitlinien verpflichtenden Charakter haben werden, die für Transsexuelle, die es so per definitionem als solche nicht mehr geben wird mit Zwang umgesetzt werden können.

Die transsexuelle Frau muss schon jetzt eingestehen, dass sie ein Mann sei und „nur“ ein soziales Rollenproblem hat, obwohl sie mangels männlicher Funktionalität kein Mann ist. Dieser Gender-Ansatz wird nun weiter ausgebaut.

Transsexuelle (Frauen) sind jedoch (evolutions-)biologisch nicht männlich. Übrigens sind diese transsexuellen Phänomene auch aus der Tierwelt bekannt. Eine Transsexualität ist keine Einbildung sondern so integer wie eine Heterosexualität oder eine Homosexualität.

Soziale Ausgrenzung, ein strukturelles Berufsverbot und die Verächtlichmachung von Betroffenen in den Medien sind nur wenige systematische Eckpunkte, die ein transsexuelles Leben in Deutschland erschweren. Wenn sich Betroffene staatliche oder institutionelle Hilfe suchen wollen, werden sie nicht selten ausgelacht. Bilder von Männern, die als Frauen leben wollen, sind in Deutschland omnipräsent und diese verneinen das ganz normale Mensch-sein der transsexuellen Frau entschieden. Die Ursachen sind politisch und wissenschaftlich etabliert und sie werden medial unkritisch multipliziert: Es regiert das Vorurteil. Jeder soll dieses Vorurteil kennen bevor er überhaupt einen transsexuellen Menschen erlebt hat.

„Das sind falsche Frauen“, kann man oft lesen und hören, wenn von Transsexuellen in Abwesenheit die Rede ist. „Frau sei man nur von Geburt an.“ Dass auch eine Transsexualität qua Geburt existent und genauso beweisbar wie eine Heterosexualität oder Homosexualität ist, und dass auch transsexuelle Menschen ein Recht auf Partizipation am medizinischem Fortschritt haben, dafür zeigt die Allgemeinheit wenig Verständnis.

Angeblich möchte die Bundesregierung jetzt alles besser machen. Die UN hatte nicht nur einmal darauf hingewiesen, dass das deutsche Transsexuellengesetz auf Grund von Kastrations- und Scheidungszwang problematisch sei und als Folter bezeichnet werden könne. Das zuständige Referat im Familienministerium, das eigentlich den Schwerpunkt Homosexualität hat, soll sich auch mit minorisierten Geschlechtsidentitäten befassen, wie sie auch bei transsexuellen Menschen vorliegen.

Für das Leidwesen von Transsexuellen ist ganz wesentlich, dass diese spiegelbildlich zu homosexuellen Kontexten gelesen werden bzw. transsexuelle Menschen werden auch im wesentlichen durch homosexuelle und genderqueere Verfasser zu homosexuellen oder gender-non-binäre Menschen erklärt. 

Eine Transsexualität ist eine eigenständige Thematik, die so facettenreich ist wie die Betroffenen selbst. Gemeinsam ist ihr eine körperlich-geschlechtliche Thematik, die das Mensch-sein erfasst.

Die transsexuelle Frau ist nicht etwa nur deshalb eine Frau, weil sie es gerne sein möchte, sondern weil sie es ist. 

Transsexuelle Frauen sind jedoch in homosexuellen Kontexten eher unbekannt. Schwul-lesbische Szenen etablierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts transvestitische Szenarios, die schon damals mit transsexuellen Menschen nicht identisch gewesen sind.

Aus dieser transvestitischen Tradition entwickelten sich später die Transgender bzw. genderqueere oder transgeschlechtliche Ideen, die gemeinsam haben, dass hier politisierende Geschlechterrollenmodelle zum Tragen kommen. Die transsexuelle Frau ist für diese das Antibild.

Wenn so maßgebliche Sexologen, wie Volkmar Sigusch postulieren, dass Transgender ein Oberbegriff für Transsexuelle sei, dann geschieht das ohne eine historische Kenntnis, aber in machtpolitisierender Haltung im Sinne der politischen Homosexuellenbewegung in Deutschland zum Nachteil Transsexueller. Auch Begriffe wie Cisgender in Abgrenzung zu Transgender sind für transsexuelle Wirklichkeiten ungenügend, weil die transsexuelle Frau eine Frau ist und dieses Frau-sein auch ausfüllt.

Ich möchte nicht als sozialkritisches Instrument betrachtet werden. 

Aber transsexuelle Frauen sind eine kleine Minderheit ohne Gruppencharakter in Deutschland. Sie haben keinen Gay Pride. Zu diesem Frau-sein gehört das unsichtbare der transsexuellen Geschichte. Transsexuelle haben ein Emanzipationsproblem und sie bleiben deshalb in einem vor-emanzipierten Raum gefangen.

Vielleicht war das Transsexuellengesetz von 1981 eine soziale Idee, die nur in dieser Hochzeit des Sozialstaats in Anbetracht des kalten Krieges in den beiden deutschen Staaten Raum gewinnen konnte. Schon damals waren die homo-politischen Kräfte in der Gesellschaft gar nicht von der Einführung dieses Transsexuellengesetzes begeistert. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Ich denke, es liegt daran, dass transsexuelle Menschen in schwul-lesbischen Szenen unbekannt waren und nur, weil man selbst eine Minorität darstellt, muss das nicht bedeuten, dass man besonders inklusiv sei.

Für schwule und lesbische Szenen im 20. Jahrhundert war eher typisch, dass sie das Gegenteil von inklusiv gewesen sind. Die Toleranz der Lesbe endete nicht selten beim (schwulen) Mann und umgekehrt.

Inzwischen gilt dieses alte Transsexuellengesetz als reformbedürftig und vor diesem Hintergrund kann momentan eine neue „Leitlinie zu Behandlungsrichtlinien bei sogenannter Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans*Gesundheit“ online kommentiert werden.

Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass auch, wenn es hier eigentlich um transsexuelle Menschen geht, diese hier im Titel nicht benannt werden. Und das ist ganz typisch für die sogenannte „Konsensbasiertheit“ der beteiligten Gruppen. Wir haben es hier nämlich lediglich mit nur einem Netzwerk zu tun. Transsexuelle werden hier seit Jahren erfolgreich ausgeklammert und auf ein einfaches trans*(-gender)-sein reduziert.

Dieses trans* eröffnet neue Möglichkeiten in einer gender-spezifischen Politik. Das mag für Menschen mit Gender-Thematik, die nicht originär transsexuell sind, gut sein. Es verwässert jedoch die rechtliche und medizinische Spezifik von sehr unterschiedlichen Minderheiten, wenn Transsexuelle, Intersexuelle, Transgender oder Crossdresser vermischt werden. Doch eine Sensibilisierung oder Beibehaltung des transsexuellen Subjekts in diesem Kontext scheint klientelpolitisch nicht gewollt zu sein. Die Argumentationsbasis ist kühn und kaum vermittelbar. Ungefähr so als ob man Frauen und Frauenpolitik streicht, weil es schließlich Menschenpolitik im Allgemeinen gäbe. Mit Totschlagargumenten, in etwa wie

„Die Existenz einer transsexueller Frauenpolitik könnte ja die genderqueeren Menschen stören“

… oder so ähnlich wird Transsexualität in dieser bigotten Politik disqualifiziert und überhaupt sei das „-sexuell“ in transsexuell schlecht und veraltet. Es ist nur komisch, dass keiner „heterosexuell“ oder „homosexuell“ dann nicht auch gleich streichen will.

Transsexuelle stören Transgender und sie stören die politische Homosexuellenbewegung in Deutschland mit ihrem „Heteronormativsein“.

Transsexuelle finden in diesen „konsensbasierten“ Netzwerken rund um die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) in Wahrheit nicht statt und sollen auch nicht stattfinden. Die Mitglieder dieses Vereins DGfS sind mit dem Verfasser dieser Leitlinien im wesentlichen deckungsgleich. Transsexuelle NGOs nehmen an, dass sich in diesen Kreisen tendenziell jene, die Transsexualität negierenden Sexologen verbergen, die eher eine große Nähe zur politischen gender-theoretisch-orientierten Homosexuellenbewegung haben, die an der Existenz transsexueller Verläufe wenig Anteil nehmen. Der Grund für diese Mißachtung ist ganz einfach:

Transsexuelle Frauen leben eine Form des Mensch-seins, die für gender-theoretische Annahmen brandgefährlich sein kann. 

Gendertheorien wollen nämlich das Heteronormative in unserer Gesellschaft ausmerzen. Es wurde hierzu ein monströses Feindbild auf der Grundlage von Judith Butler aufgebaut, in deren „Werk“ Transsexuelle zu Gunsten von transgressiven Transgendern konsumiert und ignoriert werden.

Dieser Prozess um Definitionshoheiten passiert aber nicht erst seit den 68er-Protesten in USA und Europa. Dieser Kampf, der eine falsche Informationspolitik beinhaltet, und aus evolutionsbiologischen Begriffen wie Homosexualität und Heterosexualität schwulen- und lesbenpolitische Kampfzonen ableitet, in deren Mitte nicht-beteiligte Menschen ausharren müssen, die man seit über 100 Jahren transsexuell nennt, geht bis in das 19. Jahrhundert zurück.

Damals wurde schon von „Menschen im falschen Körper“ gesprochen. Gemeint waren damals aber nicht Transsexuelle sondern Homosexuelle selbst.

Karl Heinrich Ulrichs, ein homosexueller Jurist, wollte damals mehr Liberalität für andere Homosexuelle erreichen, in dem er propagierte, dass dies Menschen im falschen Körper seien. Er nahm an, dass sich das günstig gegen die Strafverfolgung auswirkte, wenn man sie mit Frauen als eine Art sexueller Zwitter assoziiert, vielleicht auch weil nicht benannte Transsexuelle schon damals ein unbeschadeteres Schattendasein im Gegensatz zu Homosexuellen führen konnten?

Die Kontexte sind spekulativ. Das Vorurteil lebt bis heute, weil das Gegenteil einer Liberalisierung der Fall war. Und insbesondere die junge Psychiatrie fand infolge immer neue argumentative Grundlagen, um an bzw. gegen derartige Minderheiten zu arbeiten, die in ein bürgerliches Idealbild des frühen 19. Jahrhunderts nicht passen.

Transsexuelle sind bis heute „die Anderen“ geblieben, die nur durch eine angepasste Unsichtbarkeit Teil einer heterosexuellen oder homosexuellen Gruppe werden dürfen.

Mit Medizin hat dies immer weniger zu tun gehabt, sondern es geht um soziale Ausgrenzung und Kontrolle. Später sollten sich Homosexuelle von ihren tradierten Fesseln befreien. Doch statt auch andere Minderheiten, wie Transsexuelle, an freiheitlichen Rechten partizipieren zu lassen, fungiert Transsexualität in diesen politischen und wissenschaftlichen Kreisen, wie eine Art Bad Bank. Und die Transsexualität wird wie ein unerwünschtes Konstrukt jetzt abserviert.