"Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. Viele Journalisten und ihre Redakteure brauchen keine schnellen Pferde mehr." - (c) Hippodrome de Deauville - Clairefontaine [Attribution], via Wikimedia Commons

A Cure for Wellness – Ein Heilmittel gegen Wellness

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Gastbeitrag von Andrea Berwing

Mr. Lockhart aus dem Film „A Cure for Wellness“, ein ehrgeiziger junger Mann, arbeitet Tag und Nacht in einem Unternehmen, das Millionen von Geldern verwaltet, in einem der großen Glashäuser einer urbanen Metropole.

Mr. Pembroke, ein Mitglied im Vorstand dieser Firma, ist in den Schweizer Alpen in einem luxuriösen Wellness Resort abgestiegen und kehrt nicht zurück. Nun wird Lockhart angewiesen, dort hinzufahren, um mit ihm, dem dringend Benötigten, zurückzukehren. Es geht um Fusionen, es geht um Geld. Lockart findet Pembroke, der jedoch, kaum gefunden, wieder spurlos verschwindet.
Lockhart selbst wird am Verlassen des Resorts durch einen Unfall gehindert und so zum unfreiwilligen Gefangenen. Das Heilwasser, das dort getrunken wird, offenbart sich ihm als ein Getränk, in dem elendes Gewürm herumspukt. In einem Zustand zwischen Rebellion und dem Zweifel an seinem gesunden Geist, lernt er ein junges Mädchen kennen, das schon vor zwei Jahrhunderten porträtiert auf einem Gemälde in einem der vielen mysteriösen Zimmer der Klinik zu finden ist. Der Leiter der Einrichtung himmelt diese junge Frau an.

Das Resort hat eine Geschichte, es befindet sich im Krieg mit den Einheimischen unten im Dorf, die schon vor zweihundert Jahren mysteriöse ausgetrocknete Leichen auf ihren Feldern fanden.

Lockart selbst freundet sich mit dem jungen Mädchen an, lockt es aus dem Dorf heraus und weckt in ihm die Hoffnung, die Wellness Farm verlassen zu können. Auf seiner Odyssee zwischen seiner eigenen ihm angetragenen Genesung und den scheinbar maskenhaften Menschen, denen er begegnet und die wie in Trance der Wellness huldigen, alle in dem Glauben, geheilt werden zu müssen, zweifelt er an seiner geistigen Gesundheit.

Er wundert sich über Menschen, die scheinbar schon zum Totenreich gehören müssten und die ihm wie Zombies erscheinen. Vereinsamt unter einer großen Glasglocke lebend, gefangen in klaustrophobisch engen Schlingen eines Klinikprogramms, unselbständig und betreut von Personal, dessen Absichten, entgegen dem offiziellen Anliegen unklar bleiben.

In einem Anfall von Sendungsbewusstsein fordert er während eines Dinners die „Heilenden“ dazu auf, wach zu werden und nicht zu glauben, sie wären in „Unordnung und krank“. Er schreit sie an, sie sollen aufstehen, sie bräuchten dieses Heilwasser nicht, es würde sie krank machen, zerstören. Die Patienten stehen tatsächlich auf, als würden sie plötzlich die Wahrheit erkennen, stürzen sich dann jedoch auf den Verkünder, auf Lockart.

Lockart verfällt in eine Art Trance, fragt sich, warum er noch fortgehen soll, es geht ihm doch gut, nachdem ihm das Heilwasser mit den Würmerschlangen unter Zwang eingeflößt wird. Doch das Schicksal lässt sich nicht an der Nase herumführen, auch wenn Lockart scheinbar schwach ist, besiegt. Das junge Mädchen, die Hoffnung, lässt ihn nicht los.
Der Leiter reißt sich die verführerische Maske des großen Heilers vom Gesicht, dahinter wird ein eiterndes, altes, böses Gesicht erkennbar. Seine Ambitionen offenbaren sich. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Wie zweihundert Jahre zuvor bricht ein Feuer aus und während viele der dortigen Insassen immer noch betäubt tanzen, nutzen Lockart und das junge Mädchen das Ereignis zur endgültigen Flucht.

Lockart’s Wahrnehmung der Klinik erscheint zuerst surreal, ermöglicht ihm dann aber den Zugang zu seinem Unterbewusstsein, das ihn zu „höheren“ Wahrheiten führt. Groteske Bilder, die er aus dem Fenster schauend wahrnimmt, rütteln ihn auf. Er sieht einen der Angestellten, Leichen in einen verschlossenen Trakt entsorgen, im Halblicht des Mondes. Lunare Dimensionen. Die sein Gewissen und seine Neugier wecken.

Lockart stirbt zuerst innerlich, indem er von all seinen Erkenntnissen, die durchaus wahr waren, „befreit“ wird.

Erst dann findet er Antworten auf seine Fragen. Die Gäste verfallen dem plumpen Dualismus, Krankheit sucht Heilung, wer auch immer sie ihnen verspricht. Begrenzungen werden nicht durchbrochen, die Patienten schauen nicht, wie er aus dem „Fenster“ und dadurch aus sich selbst „heraus“, Fragen werden nicht gestellt. Lieber stürzen sie sich auf den „Erkenner!“ Ihren vermeintlichen Jetzt-Zerstörer, der ihre heile Welt in Frage stellt. Ihre Fragmente.

***

Auch das zeigt dieser Film – wer die heile Welt in Frage stellt, sich einem angeblichen Common Sense nicht unterwerfen will, gerät schnell in die Position des geächteten und verfolgten Wahrheitsverkünders.

Klassische Wahrheitsverkünder sollten in unserer Gesellschaft die Presse, die 4. Gewalt sein. Ihre Aufgabe wäre es, die wahren Hintergründe zu berichten, auch wenn sie angezweifelt, kritisiert und beschimpft würden, weil viele Menschen das, was berichtet wird, nicht hören und sehen wollen.

Die 4. Gewalt, der Held in der heutigen Zeit? Leider ist es oft anders. Ein Beispiel: in der Welt erscheint der Artikel: „Berlin: Angreifer bricht Joggerin mit Ziegelstein den Kiefer“. Die Joggerin hat den Täter gesehen, als er ihr Handy aus der Jacke holt, hat sie ihn nicht beschrieben?

Die Kommentatoren stellen die Frage, warum es keine Täterbeschreibung gibt, zu Recht. Der Täter hat die Joggerin heimtückisch mit einem Ziegelstein von hinten niedergeschlagen, danach noch auf die wehrlos am Boden Liegende eingeprügelt, ist also gemeingefährlich und zu allem bereit. Er ist immer noch frei. 

Jedoch, die 4. Gewalt berichtet nur oberflächlich. Da drängt sich dem Leser der Gedanke auf, ob das auch gelten würde, sollte der Täter hellhäutig oder deutsch ausgesehen haben, wie im Fall des Jugendlichen, der einen neunjährigen Jungen niederstach und mit vollem Namen und Gesicht der Allgemeinheit vorgestellt wurde. Im aktuellen Fall des Angreifers gibt es keinen Namen und kein Foto, doch leider auch keine Täterbeschreibung.

Frauen in den Kommentarspalten beschreiben, was ich auch empfinde. Das subjektive Sicherheitsgefühl leidet. Diese neue Unsicherheit ist nicht nur einer lunearen, halbsichtigen Gefühlswelt entsprungen, sondern besteht in der Realität.

Schon jetzt ist es zuviel. Aber was passiert mit dem, der das sagt. Geht es ihm nicht wie Lockhart, unserem Helden, der Zweifel und Kritik äußert, und dies mit einem Teil seiner Zähne bezahlt? Sie dürfen wieder zu Helden werden.

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. Viele Journalisten und ihre Redakteure brauchen keine schnellen Pferde mehr.

Text: (c) Andrea Berwing

buch-bewring

Buchempfehlung: 

Roman der Autorin: Andrea Berwing:  „Die Wahrheit ist anders“

C.M.Brendle Verlag

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Brutaler Überfall auf Joggerin: Polizei veröffentlicht nun doch Fotos des Tatverdächtigen – philosophia perennisBrockenteufelM.MHeiko PaulInes Recent comment authors
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[…] Und floh schließlich mit der Jacke der Frau, in der sich deren Mobiltelefon befand. Schon vor geraumer Zeit schrieb Andrea Berwing zu dem Fall in einem Gastkommentar bei philosophia-perennis: […]

Heiko Paul
Gast
Heiko Paul

Wer die Medien als vierte Gewalt ansieht, bringt sich selbst schnell aufs sprachliche und gedankliche Glatteis. Ein derartiger Begriff birgt ins sich schon jede Menge trojanischer Pferde. Wer glaubt denn überhaupt noch ernsthaft an eine vorhandene oder gar funktionierende Gewaltenteilung ? Ich nicht. Ich finde den Beitrag über den Film sehr gelungen- den Film übrigens auch. Unser Handeln wir durch innere Prozesse und Kräfte gesteuert, derer wir uns erst einmal bewusst werden müssen. Die Medien nutzen das Wissen um diese Prozesse, um die Mehrheitsmeinung zu lenken. Sehen sie das was die Medien uns tagtäglich an Nachrichten, Mitteilungen, Informationen und Entertainment… Mehr lesen »

Ines
Gast
Ines

Schade, dass der Text zum Film sehr lange ist – hätte fast nicht weiter gelesen. was schade gewesen wäre. Das letzte Drittel ist nämlich genial und trifft ein ganz wesentliches Problem bzw. spricht es endlich an. danke!

twsan
Gast
twsan

Man solle es deutlicher formulieren:

Muss nicht als Konsequenz der Ausführungen von Robin Alexander (bei Lanz im O-Ton, „Merkel hat nicht…, wegen der übergroß-positiven Wellcome-Resonanz der Bevölkerung..“) gefragt werden, WER denn die deutsche Bevölkerung derart willkommensbesoffen machte?

Waren das nicht die deutschen Massenmedien – die letzlich durch die Manipulation ihrer Rezipienten (Zuschauer, Leser) die Politik bestimmten?
Und damit letztlich Deutschland, anderen EU-Staaten und letztlich auch der EU in diese katastrophale Lage brachten?

>>Die Massenmedien defacto als deutsche Regierung?<<

War das – defacto – nicht ein massenmedial inszenierter Volksentscheid? Oder sogar ein massenmedial angestoßener Selbstmord des deutschen Volkes?