Es ist Wahljahr – und die Deutschen schauen halb erfreut, halb mit Resignation dabei zu, wie sich eine Partei in einen folgenschweren internen Streit eingelassen hat; ausgerechnet jene Partei, die für viele die Alternative zu den Politikern ist, die für ein linksgrün abgerutschtes Land stehen. Vor zwei Jahren warnte der bekannte Sozialwissenschaftler und Publizist Manfred Kleine-Hartlage bereits vor der unter anderem hinter solchen Streitigkeiten stehenden Mentalität (David Berger).

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(Manfred Kleine-Hartlage) Als ich noch der politischen Linken angehörte, wunderte ich mich oft darüber, daß die Rechte nicht viel stärker ist, als sie tatsächlich ist:

Als Linker weiß man durchaus, daß die Rechte mit etlichen ihrer zentralen Positionen eine deutliche Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite hat.

Freilich verfügt man auch über ausgefeilte Denkfiguren, mit deren Hilfe man sich diesen Sachverhalt ideologisch schönreden und der naheliegenden Schlußfolgerung entgehen kann, daß dies womöglich deshalb so ist, weil die Rechte in der Sache einfach recht hat.

Die Schwäche der Rechten hat etwas mit ihr selbst zu tun: Die meisten ihrer Bewegungen (PEGIDA), Parteien (AfD) und Publikationen (Junge Freiheit) distanzieren sich schon routinemäßig von „rechtem“ oder „rassistischem“ Gedankengut, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß Begriffe wie „rechts“ und „rassistisch“ Kampfbegriffe ihrer Gegner sind, mit denen die Vertretung der Interessen des eigenen Volkes verteufelt werden soll.

Sie wetteifern geradezu in dem vergeblichen Bemühen, die entsprechenden Etiketten dadurch selbst loszuwerden, daß sie sie dem ideologisch verwandten, womöglich nur um
Nuancen weiter rechts stehenden Geistesverwandten aufkleben – selbstverständlich ohne den erhofften Judaslohn, nämlich die Zulassung zu den meinungsbildenden Eliten, jemals einzustreichen. Es handelt sich um „Appeasement“ im verächtlichen Sinne des Wortes: um den Versuch, das Krokodil zu füttern in der Hoffnung, selbst als letzter gefressen zu werden. Und stets ist man aufs neue überrascht, daß selbst diese schäbige Minimalhoffnung enttäuscht wird.

Den Linken war diese Art Bauernschläue auch schon zu Zeiten fremd, als sie noch nicht in ihrer heutigen dominanten Position waren: In der Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre etwa waren so viele Kommunisten tätig, daß der Vorwurf, die Bewegung sei von Moskau „ferngesteuert“, plausibel genug war, sie in Bedrängnis zu bringen.

Trotzdem kam es auch gemäßigteren Linken nicht in den Sinn, sich taktische Vorteile dadurch zu verschaffen, daß sie sich – zumal in der Sprache des politischen Gegners und auf der Basis seiner Ideologie – von den radikaleren Genossen „distanziert“ hätten.

Linke können sich untereinander bis aufs Messer streiten: Doch im Verhältnis zur Außenwelt herrscht bei ihnen eine Kultur der Solidarität. Auf der Rechten – und daher rührt ein Gutteil ihres Mißerfolgs – herrscht eine Kultur des Verrats.

Das hängt damit zusammen, daß die Rechte sich naturgemäß zu einem erheblichen Teil auf den Charaktertypus des Konservativen stützt und daß dies in dem Moment zum Problem wird, wo man als Konservativer oppositionell sein müßte, weil die herrschenden Eliten eine Politik des Verrats betreiben. All das, was den Konservativen in normalen Zeiten zu einer wertvollen Stütze von Staat und Gesellschaft macht – Loyalität, konstruktives Denken, Seriosität, Pragmatismus –, macht ihn unter der Herrschaft des Verrats, selbst wenn er ihn kritisiert, zu einer Stütze dieses Verrats und ihn selbst zum Verräter.

Zum konservativen Charakter gehört Statusbewußtsein: die verinnerlichte Selbstverständlichkeit, daß der Status eines Menschen von dessen Nähe zu den gesellschaftlichen Eliten abhängt. Menschen, die er in der Statushierarchie als unter ihm selbst stehend wahrnimmt, kann der Konservative nicht als gleichberechtigt behandeln: Er würde seinen eigenen Status gefährden, wenn er es täte.

Politisch bedeutet dies, daß derjenige, der politisch weiter rechts steht als man selber, wegen seiner deswegen größeren Entfernung zu den Eliten in der Wahrnehmung des Konservativen zugleich einen geringeren sozialen Status hat. Sich von ihm zu distanzieren, ist daher ein Mittel, den eigenen Status zu wahren.

Solidarisch zu sein, hieße, diesen Status zu gefährden. Daher ist es durchaus folgerichtig, daß dieselben Leute, die doch selbst täglich Opfer politischer Diffamierungen sind, ihrerseits Andersdenkende mit derselben Skrupellosigkeit und demselben Vokabular verleumden, mit dem sie selber diffamiert werden. Es handelt sich um eine Hierarchie des Spuckens und Bespucktwerdens.

Unbewußt gesteht der Konservative denen, die ihn bespucken, auch wenn er es ungerecht findet, sogar ein gewisses Recht zu, ihn zu bespucken, weil und sofern sie sozial über ihm, d.h. den Eliten näher stehen.

Und so wird seine Reaktion nicht das Aufbegehren sein, sondern der Versuch, den Spucker davon zu überzeugen, daß er den Falschen bespuckt, da er es doch gar nicht verdient habe. Der andere aber – ja, der habe es sehr wohl verdient.

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Erstveröffentlichtung im Onlinemagazin: ZUERST. Deutsches Nachrichtenmagazin