Es ist Wahljahr – und die Deutschen schauen halb erfreut, halb mit Resignation dabei zu, wie sich eine Partei in einen folgenschweren internen Streit eingelassen hat; ausgerechnet jene Partei, die für viele die Alternative zu den Politikern ist, die für ein linksgrün abgerutschtes Land stehen. Vor zwei Jahren warnte der bekannte Sozialwissenschaftler und Publizist Manfred Kleine-Hartlage bereits vor der unter anderem hinter solchen Streitigkeiten stehenden Mentalität (David Berger).

***

(Manfred Kleine-Hartlage) Als ich noch der politischen Linken angehörte, wunderte ich mich oft darüber, daß die Rechte nicht viel stärker ist, als sie tatsächlich ist:

Als Linker weiß man durchaus, daß die Rechte mit etlichen ihrer zentralen Positionen eine deutliche Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite hat.

Freilich verfügt man auch über ausgefeilte Denkfiguren, mit deren Hilfe man sich diesen Sachverhalt ideologisch schönreden und der naheliegenden Schlußfolgerung entgehen kann, daß dies womöglich deshalb so ist, weil die Rechte in der Sache einfach recht hat.

Die Schwäche der Rechten hat etwas mit ihr selbst zu tun: Die meisten ihrer Bewegungen (PEGIDA), Parteien (AfD) und Publikationen (Junge Freiheit) distanzieren sich schon routinemäßig von „rechtem“ oder „rassistischem“ Gedankengut, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß Begriffe wie „rechts“ und „rassistisch“ Kampfbegriffe ihrer Gegner sind, mit denen die Vertretung der Interessen des eigenen Volkes verteufelt werden soll.

Sie wetteifern geradezu in dem vergeblichen Bemühen, die entsprechenden Etiketten dadurch selbst loszuwerden, daß sie sie dem ideologisch verwandten, womöglich nur um
Nuancen weiter rechts stehenden Geistesverwandten aufkleben – selbstverständlich ohne den erhofften Judaslohn, nämlich die Zulassung zu den meinungsbildenden Eliten, jemals einzustreichen. Es handelt sich um „Appeasement“ im verächtlichen Sinne des Wortes: um den Versuch, das Krokodil zu füttern in der Hoffnung, selbst als letzter gefressen zu werden. Und stets ist man aufs neue überrascht, daß selbst diese schäbige Minimalhoffnung enttäuscht wird.

Den Linken war diese Art Bauernschläue auch schon zu Zeiten fremd, als sie noch nicht in ihrer heutigen dominanten Position waren: In der Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre etwa waren so viele Kommunisten tätig, daß der Vorwurf, die Bewegung sei von Moskau „ferngesteuert“, plausibel genug war, sie in Bedrängnis zu bringen.

Trotzdem kam es auch gemäßigteren Linken nicht in den Sinn, sich taktische Vorteile dadurch zu verschaffen, daß sie sich – zumal in der Sprache des politischen Gegners und auf der Basis seiner Ideologie – von den radikaleren Genossen „distanziert“ hätten.

Linke können sich untereinander bis aufs Messer streiten: Doch im Verhältnis zur Außenwelt herrscht bei ihnen eine Kultur der Solidarität. Auf der Rechten – und daher rührt ein Gutteil ihres Mißerfolgs – herrscht eine Kultur des Verrats.

Das hängt damit zusammen, daß die Rechte sich naturgemäß zu einem erheblichen Teil auf den Charaktertypus des Konservativen stützt und daß dies in dem Moment zum Problem wird, wo man als Konservativer oppositionell sein müßte, weil die herrschenden Eliten eine Politik des Verrats betreiben. All das, was den Konservativen in normalen Zeiten zu einer wertvollen Stütze von Staat und Gesellschaft macht – Loyalität, konstruktives Denken, Seriosität, Pragmatismus –, macht ihn unter der Herrschaft des Verrats, selbst wenn er ihn kritisiert, zu einer Stütze dieses Verrats und ihn selbst zum Verräter.

Zum konservativen Charakter gehört Statusbewußtsein: die verinnerlichte Selbstverständlichkeit, daß der Status eines Menschen von dessen Nähe zu den gesellschaftlichen Eliten abhängt. Menschen, die er in der Statushierarchie als unter ihm selbst stehend wahrnimmt, kann der Konservative nicht als gleichberechtigt behandeln: Er würde seinen eigenen Status gefährden, wenn er es täte.

Politisch bedeutet dies, daß derjenige, der politisch weiter rechts steht als man selber, wegen seiner deswegen größeren Entfernung zu den Eliten in der Wahrnehmung des Konservativen zugleich einen geringeren sozialen Status hat. Sich von ihm zu distanzieren, ist daher ein Mittel, den eigenen Status zu wahren.

Solidarisch zu sein, hieße, diesen Status zu gefährden. Daher ist es durchaus folgerichtig, daß dieselben Leute, die doch selbst täglich Opfer politischer Diffamierungen sind, ihrerseits Andersdenkende mit derselben Skrupellosigkeit und demselben Vokabular verleumden, mit dem sie selber diffamiert werden. Es handelt sich um eine Hierarchie des Spuckens und Bespucktwerdens.

Unbewußt gesteht der Konservative denen, die ihn bespucken, auch wenn er es ungerecht findet, sogar ein gewisses Recht zu, ihn zu bespucken, weil und sofern sie sozial über ihm, d.h. den Eliten näher stehen.

Und so wird seine Reaktion nicht das Aufbegehren sein, sondern der Versuch, den Spucker davon zu überzeugen, daß er den Falschen bespuckt, da er es doch gar nicht verdient habe. Der andere aber – ja, der habe es sehr wohl verdient.

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Erstveröffentlichtung im Onlinemagazin: ZUERST. Deutsches Nachrichtenmagazin

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Holm Teichert
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Holm Teichert

Genau das sind meine Worte. Jeder distanziert sich vom Anderen, in der Hoffnung, dass er selbst als nichtnazinahe in Ruhe gelassen wird. Um von Medien, Kirchen, Gewerkschaften und Altparteien verschont zu werden, ist sich jede rechte Organisation noch nicht einmal zu schade, patriotische Mitkämpfer zum Abschuss freizugeben. Und solange alle patriotischen Kämpfer so agieren, werden sie sich selbst klein dividieren. Bestes Gegenbeispiel wie es richtig funktioniert: SPD, Linke, Grüne , Jusos, Gewerkschaften, Medien und Kirchen schließen sich jedesmal aufs Neue zusammen, wenn es darum geht, Gegenveranstaltungen auf die Beine zu stellen. Und es interessiert niemanden, dass bei solchen Zusammenschlüssen selbst… Mehr lesen »

Luther
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Luther

Rechte wissen nicht,wo die Grenze ist,die sie als zu rechts erscheinen lässt und das definiert auch jeder wie er will.“Zu rechts“ will Keiner sein,deshalb gab es auch von Anfang an die Abgrenzung zur AfD-niemals anerkennen, niemal koalieren,obwohl man noch nicht mal ein Parteiprogramm hatte.Die CDU /csu sind Angsthasen, das hat sich ja bestätigt,denn Herr Seehofer hätte mit Frau Merkel die Grenze schließen können.Doch alle hatten Angst vor den Bildern in den Medien, auch der kleine Siggi.Die CDU könnte mit der AfD koalieren und gute, rechte Politik machen,aber der Zug ist abgefahren und Voraussetzung wäre der Abgang von Frau Merkel!

Dichter Tatenlos
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Dichter Tatenlos

Das Grundproblem ist vor allem ein anderes. Sonst hätte beispielsweise PEGIDA Nürnberg bei dem Einzugsgebiet ein paar Tausend Spaziergänger. Der Grund ist, und jetzt werde ich „gebannt“. Der Grund ist die unglaubliche Feigheit, Bequemlichkeit und Lethargie des westdeutschen und ebenso reichlich vorhandenen ostdeutschen Rotwein-Deutschen. Versucht mal einen von denen zu PEGIDA zu kriegen. Das ist so schwer und die Ausreden sind Legion. Vor allem bei den halbintellektuellen Deutschdamen. Regelrechte Hirnwäsche, weil „Tagesschau“ und „Spiegel“ das so wollen. Die beten das auswendig nach. Abgrenzung ist nur der Vorwand für die eigene Feigheit. Weil die ja alle Nazis sind, deswegen muss ich… Mehr lesen »

Bernhard
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Bernhard

„Zum konservativen Charakter gehört Statusbewußtsein“, das ist nicht genau genug herausgeareitet. Ich würde geschrieben haben Zum konservativen Charakter gehört das Statusbewußtsein, in einer hierarchischen Struktur eine bevorzugte Stellung einzunehmen.

Wer nun sagt, die Linken würden es kaum anders nennen, dem sage ich: ja, richtig. Das Statusbewusstsein ist eine urmenschliche Eigenschaft, der Wunsch nach Anerkennung, nach sozialer Partizipation, in einem komplexen Gebilde. Anerkennung und diametrale politische Positionierung schließen sich gegenseitig aus. Und genau hier beginnt das wirkliche Problem, in dem wir heute stecken.

luisman
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Die AfD ist doch programmatisch weder anti-sozialistisch, noch anti-neoliberal. Das wenige „alternative“ an denen ist ihr Anti-Globalismus und eher seichter Nationalismus. Höcke deckt den aggressiveren Nationalismus ab und bleibt deshalb eine Randfigur. „[…]daß die Rechte sich naturgemäß zu einem erheblichen Teil auf den Charaktertypus des Konservativen stützt[…]“ Rechte sind eben auch psychologisch eher Individualisten, waehrend die Linken eher Kollektivisten sind. Deshalb faellt es den Linken leichter Solidaritaet zu zeigen und eine geschlossene Front darzustellen. Das hat nichts mit faktischer Solidaritaet zu tun (die wird immer auf „den Staat“ abgewaelzt) oder mit einer wirklich einheitlichen Meinung, sondern mit einem Zusammengehoerigkeitsgefuehl in… Mehr lesen »

wreinerschoene
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Hat dies auf nachtgespraechblog rebloggt und kommentierte:
Der Begriff „Rechts“ allein ist schon ein Kampfbegriff der Linken. „Bürgerliche Gruppen“ waren schon immer und in allen Diktaturen ein Dorn im Auge, ob bei den Nationalen Sozialisten oder bei den Internationalen Sozialisten. Aus dem Grund kann man dem Wort „Rechts“ keine Bedeutung anrechnen und es einfach ignorieren.

Heiko Paul
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Heiko Paul

Machen wir uns doch nichts vor. Die gesellschaftliche Mitte ist eine imaginäre Größe. Die Mitte ist der kleinste Punkt eines Objekts. Dort ist am wenigsten Platz. Wir sind doch alle entweder ein bisschen links oder ein bisschen rechts, ein bisschen oben oder ein bisschen unten. Genauso wenig, wie irgendjemand das statistische Durchschnittsgehalt verdient, gibt es den politischen Menschen in der Mitte. Rechts von der Mitte stehen die Realisten, links von der Mitte die Idealisten. Kleine – Hartlages Vortrag zum Thema „Warum ich kein Linker mehr bin“ zeigt den Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Lager sehr genau auf. Die… Mehr lesen »

floydmasika
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floydmasika

Hat dies auf Bayern ist FREI rebloggt und kommentierte: Konservative haben es schwerer als Linke, im Angesicht von Tabuisierung und medialen Hetzjagden zusammen zu halten. Dies hängt damit zusammen, dass sie Hierarchien und Hackordnungen anerkennen. Diesen kommt ja tatsächlich eine ordnende, hygiene-wahrende Funktion zu. Es muss aber möglich sein, die Hygiene zu wahren, ohne der Ideologie des Gegners zu huldigen und zu dessen Werkzeug zu werden. Vielmehr kommt es darauf an, die einigenden Positionen nach außen offensiv zu vertreten und etwaige personelle Hygiene-Probleme intern zu regeln. Wir machten uns im Zusammenhang mit Björn Höckes Forderung nach einer Wende der Erinnerungskultur… Mehr lesen »

Axel Robert Göhring
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Interessant. Allerdings sind auch Linke statusbewußt und engagieren sich genau deswegen für „Minderheiten“ und andere „Unterdrückte“.

Carl Eugen
Gast
Carl Eugen

Man benötigt nicht das Motiv eines Judaslohns, um zu erklären, warum einer mit Politromantikern wie Höcke und Co. nichts zu tun haben will. Die Argumentation des Artikels geht meiner Meinung nach völlig fehl und bleibt in alten Schablonen und Etikettierungen wie „Links und Rechts, tertium non datur“ stecken, die in ihrer Einfachheit völlig verfehlt sind.