Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Paul Abraham, der „König der Operetten“, geboren 1892, der ungarisch-jüdische Komponist, schrieb seine persönliche Erfolgsgeschichte um 1930 herum mit Operetten und Tonfilm-Evergreens. Seine ersten Erfolge feierte er als Komponist in Budapest, kam Ende der zwanziger Jahre mit seiner Frau Charlotte nach Berlin.

Dort schwamm er kurz darauf in Geld und den großen unvergessenen Erfolgen seiner kreativen Schaffenskraft. Er wurde mit Publikumslieblingshits wie „Meine Mama war aus Yokohama“, „Bin nur ein Jonny“, „Blumen von Hawaii“,„Do-do-do“, „Mausi, süß warst du heute Nacht“, das die grandiosen Schweizer Geschwister Pfister 2010  aufleben ließen, und „Pardon, Madam“über Nacht berühmt.

Filmmusik, Schlager, Operetten. Sein Stück:„Viktoria und ihr Husar“wurde an unzähligen Theatern in ganz Europa aufgeführt! Er konnte nur König sein. Das Leben ein Rausch. Eine Villa in der Fasanenstraße 33 in Berlin, Ku’damm-Nähe.Die Rokokovilla, die er erstand, wurde für Freunde, Komponisten, Künstlerein geliebter Treffpunkt.

Wie gewonnen, so zerronnen. Die Nationalsozialisten beenden gewaltsam sein Glück. Seine Werke werden 1933 auf den Index gesetzt, sein Vermögen einverleibt.

paul_abrahamDurch Schlägereien und randalierende Nationalsozialisten wurde Abraham, dessen feinen Sinne sich nicht nur zur Musik spannen, vorsichtig. Er registriert die Pöbeleien und gewalttätigen Übergriffe der neuen Staatsgewalt, die das Volk einschüchtern. Im Filmstudio greifen ihn nazistische Komparsen an, auch der Zugang zum Großen Schauspielhaus, in dem der „Ball in Savoy“ aufgeführt wurde, wird ihm durch gewalttätige Nazis verwehrt.

Er geht rechtzeitig mit Charlotte zurück nach Ungarn, später weiter nach Paris. In Paris feierte er wie in Berlin seine berühmten „Gulaschfeste“,um dann, verarmt, über Umwege nach New York zu emigrieren, 500 Dollar Einreisegebühren, bezahlt durch einen guten Freund.

Seine Flucht nach New York vollzieht sich in Schüben wie seine zerstörerische Erkrankung. In New York ergreift ihn die vierte Stufe von Syphilis, Spirochäten finden den Weg in sein Gehirn.

Eine ergreifende Szene seines Lebens in den USA vor seiner Einweisung in das „größte Irrenhaus“, die Creedmoor-Psychiatrie,ist die Aufführung seiner geliebten Operette „Ball Savoy“auf der Madison Avenue in New York. Verwahrlost und mit weißen Handschuhen. Er hat alles verloren. Das Konzert – fiktiv, die Vorstellungskraft der Vater nicht des Gedankens, sondern des nie vergehenden Wunsches seiner Berufung. Das war Paul Abraham. Daraus bestand er, das war er. Fremd der Welt dirigiert er auf einer Straßenkreuzung mitten in New York.

Nach 1945 wurden seine Operetten in Berlin wiederaufgeführt, währenddessen er in New York die Treppenflure der Psychiatrie fegte und später im Klinikum Eppendorf in der Nähe von Hamburg den Blättern im Wind beim Rauschen zusieht. 1956 kam er mit einem Flieger mit 50 anderen nach Hamburg, die, wie er, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA emigrierten. Genie und Wahnsinn, alles nah beisammen. Die Jazzoperette sein Genre.

Politisch korrekte Geschichten. Geschichten von Schuld und Unschuld. Wem gehört das Wort, wem die Geschichten, wem die Geschichte?

Paul Abraham starb am 6.5.1960 in Hamburg.

Seine Geschichte erinnert mich an einen Mann, der der Verfolgung durch seine Verräter entkam, doch nicht dem Schicksal. Wir können wachsam sein, loyal, liebend, flüchtend, fleißig oder auch ganz einfach gar nix von Allem. Wir dürfen alles. Verantwortung übernehmen oder auch nicht.

Paul Abraham liebte die Urbanität, die Stadt, Berlin, Berlin. Der Ball im Savoy steht ab Februar 2017 wieder auf dem Spielplan der Komischen Oper in Berlin. Gestern war ich dabei.

Copyright Text: by Andrea Berwing –Autorin
Foto: Katharine Mehrling und das Lindenquintett (c) PR Komische Oper/ Iko Freese (2) (c) http://www.marschhauser.de/aacd01.htm, cc wikipedia

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Roman der Autorin:  „Die Wahrheit ist anders“

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