Ein Gastbeitrag von Andrea Berwing

Anfang Februar wurde ich nach Brüssel eingeladen und hatte die außergewöhnliche Gelegenheit, geladenen Gästen mein Buch „Die Wahrheit ist anders“ vorzustellen und eine Lesung zu halten, mit einer sehr interessanten Gesprächsrunde hernach.

Das Buch reflektiert anhand eines realen Falles auch meine Zeit in der Punkszene in den späten achtziger Jahren in der damaligen DDR.

Manchmal wird einem erst später bewusst, was man da eigentlich geschrieben, beschrieben und getan hat, weil man es einfach tun musste, weil da so ein Feuer in einem brennt. Das seine eigene Spur hat im Getriebe der Zeit. Ich habe die ganz eigene Stimmung einer protestierenden Punkjugend eingefangen samt der Sprache. So, wie es damals war, damals im Osten, als Bands ihre Texte, die sie schrieben, sangen, produzierten, einstufen lassen mussten, d.h. einer Zensur unterwerfen, durch das Kulturministerium. Und wenn sie es nicht taten, schon als Staatsfeinde galten. Immer also mit einem Bein im Knast. Das waren wir. Denn wir brauchten keine Zensur, wir verachteten sie! Zu Recht! Die Sprache im Osten war hart, bodenständig und doch gab es einen Zusammenhalt. Wir wussten, was uns verband. Erinnerungen werden lebendig.

Während der offenen und lebendigen Diskussion nach meiner Lesung stellen wir fest, dass Ost und West immer noch existieren. Die Mauer in unseren Köpfen. Die Grenze. Das: wir sind besser und schlauer als die, oder?

Ich fragte: Und was ist Eure Geschichte? Die des Westens? RAF, ist es nur das? Gibt es da noch mehr? Wo waren Eure Träume, Gedanken, Illusionen, Wünsche? Gab es etwas Anderes als Kapital? Freiheit, das gab es ja schon. Und ein jeder hat eine, seine Geschichte zu erzählen, wie spannend.

Als die Mauer fiel, war ich schon im Westen, mein zweiter Ausreiseantrag hatte schließlich Erfolg. Mir kam der Westen zunächst kalt vor, voller Kalkül. Geld war wichtig, Existenzgrundlagen, eine neue Welt. Und doch konnte ich in genau dieser Welt die Dinge tun, die für mich wichtig waren. Das im Osten verwehrte Abitur nachholen, eine Ausbildung absolvieren, arbeiten, ich war frei und habe mich wohlgefühlt. Es gab keinen Grund, zu schreiben, zu rebellieren oder auch gerne ab und zu provozieren.

Die Toleranz und Achtung, die ich anderen entgegenbrachte, schien mir auch entgegengebracht zu werden, von ganz links, der Antifa und Hausbesetzerbewegung, von konservativen, national denkenden Menschen, warum nicht, und wieder zurück, bis, bis … zur Migrationskrise. 

Nach der Lesung der Rundgang durch Brüssel: allein schon das Europaparlament. Beeindruckend. Wirklich. Das neue Ratsgebäude aus allen Hölzern der Welt erbaut, welch schöne Vision. Kein Krieg in Europa, ein Parlament, wo Abgeordnete aller europäischen Länder unter Wahrung ihres nationalen Interesses an einem Gesamten arbeiten. National, das was dort repräsentativ und positiv besetzt ist, oft in das hässliche Wort nationalistisch verzerrt und damit diffamiert wird. Es hat wieder begonnen.

Die Ausstellung zum Europaparlament, beeindruckend. Der humanistische Gedanke, dass Völker sich verbinden und austauschen, wunderbar! Kein Krieg, kein Krieg.
Wir waren im Parlament, es tagte, sonst in Straßburg, heute in Brüssel. Thema Migration. Ich suche mir über Kopfhörer meine Sprache aus 28 möglichen heraus. Eine Frau über die libyschen Militärs. Das zu schulen ist, zu Menschen- und Frauenrechten. Es wird gesprochen von nationalen und internationalen Gewässern. Von Schlepperbanden.

Und dann – eine Abgeordnete möchte anderthalb Minuten Redezeit für sich nutzen, sie möchte zum Thema Migration ein Schriftstück vortragen, von Frau von Storch ausgearbeitet.

Der Vizepräsident fragt, zu welchem Artikel. Die Abgeordnete weiß das nicht. Der Vizepräsident fragt nochmal. Die Abgeordnete wird unsicher, sie hat sich jetzt keine Artikelnummer dazu herausgesucht. Der Vizepräsident pocht zweimal laut auf den Tisch, der Nächste spricht. Sie wird nicht zugelassen. Von ihm. Viele sprechen, die nicht nach einem Artikel gefragt werden.

Dann spricht die Nächste: Die Frage seien nicht die Schmuggler, sondern morbide Staaten und die koloniale Vergangenheit Italiens.

Eine Abgeordnete ist für die Eindämmung von Migration, sie wird vom Vizepräsidenten mit zwei Schlägen auf den Tisch unterbrochen, andere sprechen. Dann müssen wir gehen. Der Schulklasse, der wir uns angeschlossen hatten, folgen wir. Auf dem Flur sprechen die Jugendlichen über die vorzeitige Unterbrechung der Rednerin durch den Vizepräsidenten. Ein Schüler sagt: „Ich sehe das als Bewertung!“

Nationale Interessen, werden diese durch das Europäische Parlament wirklich vertreten? Eine humanistische Vision droht zu zerbrechen, an einer der wichtigsten Fragen unserer Zeit.

Ich fange sie wieder ein, die Momente. An jedem Eingang zum Parlament, selbst am Eingang zur Ausstellung gibt es Kontrollen wie am Flughafen. Sicherheit ist oberstes Gebot. Auf den Straßen und auch vor dem neuen Ratsgebäude, Armeefahrzeuge, Soldaten mit Maschinenpistolen.

Brüssel ist beeindruckend, alte monumentale Gebäude im Stadtkern, breite Straßen, durch die sich Autokarawanen drängen. Vor Fußgängerüberwegen wird angehalten, wenn wir sie überqueren wollen, anders als in Deutschland. Und ich bemerke und spüre, wie ich die Auseinandersetzung liebe, dazu gehört, den anderen aussprechen zu lassen, ich hatte mir auch gewünscht, Beatrix von Storchs Ausarbeitung zum Thema Migration zu hören, warum denn nicht? Das gehört für mich zu einer Demokratie dazu.

Verschiedene Meinungen haben dürfen, was mir in der DDR verwehrt wurde. Sind wir wieder so weit? Und ich betone immer wieder, auch ich muss mit den Auswirkungen, die die Flüchtlingskrise auf mein Leben,mein Leben als freie Frau hat, zurechtkommen.

Das beginnt nicht erst auf öffentlichen Plätzen. Wessen Visionen muss ich tolerieren? Ist es der Wille des Volkes? Brauchen wir für dieses gravierende Thema eine Volksabstimmung? Kommt unsere Parlamentarische Demokratie, so sehr sie sich bewährt hat, an einen kritischen Punkt, in dem sich die Regierenden endgültig von den Regierten entfernen.

Und ich frage mich, so schön und beeindruckend das Parlament in Brüssel und die Menschen mit vielen Sprachen sind, so sehr ich an einem kulturellem Austausch interessiert bin, und dazu gehören für mich Künstler, Maler, Sprache, warum spüre ich so einen riesigen Abstand zu diesem Europa. Geht es den Menschen in Griechenland, Spanien, Ungarn und anderen Ländern auch so? Wofür stehe ich?

Wer weigert sich, die Schlachtfelder zu betreten, auf denen Männer ihr Leben opferten und Millionen von Kindern verwaist und Frauen verwitwet zurückließen. Wenn wir doch immer wieder an unsere Eine Vergangenheit verwiesen werden. Die nicht nur die Eine ist. Wer weiß heute noch, was die Maginotlinie ist? Wer weiß heute noch, dass über 700.000 europäische Männer ihr Leben in Verdun ließen.

Am Abend gehen wir in die „Goldene Papierblume“ essen. Der Hauch einer alten Zeit, der Geist der Surrealisten schwebt hier. Ein Bild, ein Schriftzug , auch Paul Klee, Visionen, Bilder, Eindrücke.

Eine Politik in Europa darf nicht wieder, wie in den Diktaturen vor dem Mauerfall, die Verbindung zum Volk verlieren. Spitzen sich die Konflikte zu, wird der Ton rauer, wie schon in der DDR vor 1989? Die Migration in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf?

In Dresden eskaliert die Stimmung. Drei Busse werden vor der alten Frauenkirche aufgestellt. Viele sind erbost, weil sie nicht in Ruhe ihrer Opfer gedenken können. Dann muss man fragen, warum nicht auch Hiroshima und Nagasaki, die Bomben über Vietnam, es gibt so viele Orte des Grauens.

Der Oberbürgermeister vermischt das Gedenken an die Opfer von Dresden mit Tagespolitik. Dürfen die Dresdner nicht allein für sich um ihre Toten trauern? Es wird nicht differenziert: – „Die Wahrheit ist anders.“

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Text: (c) Andrea Berwing, Autorin: GEDANKENBRUECKEN-BERLIN
Buchempfehlung: Roman:  „Die Wahrheit ist anders“ – C.M.Brendle Verlag