(David Berger) Auch wenn der eine oder andere mir vielleicht einen etwas minder bemittelten Kunstgeschmack oder Freude am „Sakralkitsch“ vorwerfen wird, muss ich doch hier eines gestehen: Ich fühle mich in den katholischen Gotteshäusern Südeuropas immer besonders heimisch und wohl.

Fast immer leuchten sie in einem tiefen Gold, ergänzt durch die kräftigen Farben des Südens.

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Wie feine Wohnzimmer, in denen ganze Generationen die großen Stunden ihres Lebens verbracht haben und die so angefüllt sind mit Erinnerungsstücken, das man in jeder Ecke etwas Neues entdecken kann, erwecken sie in mir, der in der bilderreichen Welt des unterfränkischen Katholizismus groß geworden ist, immer Gefühle des Heimatlichen und der Geborgenheit, die zugleich vergoldet ist durch die Welt des Heiligen.

Das profane Eigene des Alltags wird so, wenn man die Schwelle des Portals übertreten hat, unversehens in die Welt des Heiligen gerückt.

Mein Freund, der mich oft auf meinen Touren durch die Kirchen Südfrankreichs und Italiens begleitet, bemerkte einmal, vieles hier erinnere ihn an einen sakralen Märchenpark.

 

Und in der Tat: Gerade angesichts prachtvoller Grablegungsszenen oder der einklappbaren Predigerhand an Kanzeln, fühlt man sich tatsächlich an die Märchenparks der Kindheit erinnert.

 

Diese Reminiszens muss aber gar nicht als abfällig gelten, es herrscht hier vielmehr eine, wie Karl Rahner es nannte, „Hypertrophie des Ästhetischen und Sakralen“, die sich jedem für die Welt des Religiösen offenen Menschen unabhängig von seiner Herkunft oder seinem Bildungsgrad sofort erschließt und ihn aufnimmt.

Und das eben weil das Sakrale sich nicht im bloßen Gedanken verschließt, sondern ins Sinnliche hinein ausströmt. Sichtbar wird, wie sich der unsichtbare Gott – nach christlichem Glaubensbekenntnis – in einer konkreten Person sichtbar gemach hat, seine einmalige Heilstat und seine Gnade in den sichtbaren Zeichen der Sakramente erneut präsent bzw. greifbar werden lässt.

Hinzukommt etwas, das jeder instinktiv spürt, auch wenn er es nicht direkt benennen kann: in jenen Gotteshäusern nimmt man die Catholica als die eigentliche Erbin der Antike und der Naturreligionen wahr.

Ob es schwarze Madonnen sind, die an der Stelle ehemaliger antiker Heiligtümer, in denen schwarze Muttergottheiten verehrt wurden, stehen oder einfach der reiche Blumenschmuck, die Rituale, in denen Grundelemente wie Feuer und Wasser eine große Rolle spielen.

Die große, leider viel zu schnell vergessene Dichterin Gertrud von le Fort hat das in einer ihrer wortgewaltigen „Hymnen an die Kirche“ formvollendet zum Ausdruck gebracht:

„Ich habe noch Blumen aus der Wildnis im Arme, ich habe noch Tau in meinen Haaren aus Tälern der Menschenfrühe,

Ich habe noch Gebete, denen die Flur lauscht, ich weiß noch, wie man die Gewitter
fromm macht und das Wasser segnet.

Ich trage noch im Schoße die Geheimnisse der Wüste, ich trage noch auf meinem Haupt das edle Gespinst grauer Denker,

Denn ich bin Mutter aller Kinder dieser Erde: was schmähest du mich. Welt, daß ich groß sein darf wie mein himmlischer Vater?

Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind, und aus meiner Seele leuchten nach dem Ew’gen viele Heiden!

Ich war heimlich in den Tempeln ihrer Götter, ich war dunkel in den Sprüchen aller ihrer Weisen.

Ich war auf den Türmen ihrer Sternsucher, ich war bei den einsamen Frauen, auf die der Geist fiel.

Ich war die Sehnsucht aller Zeiten, ich war das Licht aller Zeiten, ich bin die Fülle der Zeiten.

Ich bin ihr großes Zusammen, ich bin ihr ewiges Einig.
Ich bin die Straße aller ihrer Straßen: auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott.“

(c) Fotos: David Berger